Dieter Henrich: Subjektivität und Kunst

1. Zwei Thesen vom Enden und der Ansatz beim Selbstbewußtsein

Im Titel dieses Textes sind zwei Themen miteinander verbunden. Sie haben auch miteinander gemeinsam, über lange Zeit wesentliche Grundtatsachen menschlichen Lebens und ebenso wesentliche Bereiche der philosophischen Theorie gewesen zu sein, in dieser doppelten Rolle nunmehr aber für problematisch zu gelten. Subjektivität steht unter dem Verdacht, eine Haltung zu benennen, welche die eigentlich gründenden Dimensionen der gesellschaftlichen Reproduktion der Subjekte, ihre sprachliche Interaktion oder der semantischen Konstitution von Sinn verstellt. Zudem gilt die Meinung als avanciert, die mit Subjektivität verknüpfte Vorgabe von Einheit und Durchgängigkeit sei im Zeitbewußtsein und unter dem Evidenzdruck des neurowissenschaftlichen Fortschritts, einer neuen sozialen Realität und der Erfahrung der Medienzivilisiation hinfällig geworden. So meinen viele, vom Ende des Zeitalters der Subjektivität müsse heute ausgegangen werden.

Die Rede vom Ende geht auch in Beziehung auf Kunst um. Ihrem Wortlaut nach läßt sie sich auf Hegel zurückleiten. Er meinte, daß schon kraft dessen, daß Subjektivität zum eigentlichen Prinzip der Philosophie geworden ist, Kunst nicht mehr ein angemessenes Medium der Verständigung über das sein könnte, was zuletzt wirklich ist. Was er zuerst formulierte, ist inzwischen mehrfach und jeweils in anderer Bedeutung wieder aufgenommen worden - immer aber so, daß zwar nicht das Verschwinden von Kunst jeder Art und Verfassung konstatiert wird, wohl aber eine Verwandlung ihres Wesens. Aus ihr müßte sich dann auch die Notwendigkeit einer Wandlung in der Verständigung über Kunst ergeben.

Diese doppelte Rede von einem Ende ist uns nun schon seit Jahrzehnten geläufig. Die Argumente, welche sie stützen, müssen hier nicht mehr in Erinnerung gebracht und sollen auch nicht diskutiert werden. Statt dessen soll der Versuch unternommen werden, das Verhältnis von Subjektivität und Kunst zu bestimmen. Es soll schließlich auch dazu führen, eine Perspektive für die Verständigung über Wandlungen sowohl von Subjektivität wie von Kunst freizusetzen. Diese Perspektive soll es möglich machen, nachzuvollziehen, worauf die Thesen vom Ende sowohl von Subjektivität als auch von Kunst gestützt werden können, zugleich aber auch erklären, wieso beide Thesen von einem Ende dennoch auf falschen Schlüssen und Analysen beruhen.

Dabei wird von Subjektivität ausgegangen werden, einem Ausdruck, der von vielen Seiten unter Vorbehalte gestellt ist. Ich denke aber, man kann zeigen, daß er eine Begründungsdimension philosophischer Einsicht einschließt, die preiszugeben von keinem guten Grund erzwungen wird. Dieser Ausdruck verweist aber auch auf eine Weise der Lebensführung, über deren Entfaltung und Begründung die Philosophie und die Ausbildung von Humanität eine für beide konstitutive Verbindung eingegangen sind - und zwar seit Platon bis hin zur entfalteten Moderne. Mit dem Verlust von Subjektivität würden beide um einen ihnen durchaus wesentlichen Grundzug gebracht sein.

Zunächst ist nun also zu klären, was unter 'Subjekt' und was unter einer von diesem Subjekt her bestimmten 'Subjektivität' verstanden werden soll. 'Subjektivität' ist ein in vieler Hinsicht sinnvoll zu verwendender Ausdruck. Er kann Meinungen und Einstellungen bezeichnen, die gegen die Orientierung an Wahrheit abgeschirmt sind. Unter 'Subjektivität' können aber auch alle mentalen Tatsachen zusammengenommen werden, die nicht in unser Bild von einer Natur eingehen, die gänzlich unabhängig vom Betrachter bestehen soll. Zu solcher Subjektivität gehören dann Gefühle, Sinnesqualitäten wie Farben, die jeweilige Perspektivität unserer Wahrnehmungen, und vieles mehr. Wird aber die Bedeutung von 'Subjektivität' durch Grundeigenschaften von Subjekten bestimmt, dann kann mit diesem Ausdruck auch die Verfassung und die Vollzugsweise des bewußten Lebens der Menschen gemeint sein.

Auch die Rede von Subjekten ist vieldeutig. Wir sehen davon ab, daß all das bereits 'Subjekt' genannt werden kann, was für sich, also nicht nur an einem anderen besteht und von dem her Aktionen eingeleitet werden können. Für die Beschreibung als Subjekt soll konstitutiv sein, daß ein Aktionszentrum in einem Wissen von sich selbst steht und daß sich seine Aktionen unter der Voraussetzung eines solchen Wissens von sich organisieren. Subjekte sind also über ihr Selbstbewußtsein zu definieren.

Von nicht wenigen philosophischen Schulen des zwanzigsten Jahrhunderts wurde angenommen, daß diese Eigenschaft entweder ohne prinzipielles Interesse sei oder daß sie aus anderen Grundzügen der Verfassung unseres Wissens hergeleitet werden müsse. Daß dies aber irrig ist, wurde während der letzten Jahrzehnte immer deutlicher herausgearbeitet. Darum ist es heute nicht mehr notwendig, vor jeder Erklärung von Subjektivität erst einmal die Ursprünglichkeit eines am Wissen von sich festgemachten Subjektsinnes zu rechtfertigen. Von dieser Ursprünglichkeit wird deshalb im Folgenden ausgegangen werden wie davon, daß allem unserem Wissens dadurch, daß es das Wissen von Subjekten ist, eine für es charakteristische Verfassung zuwächst. So ist die Fähigkeit, die sogenannte objektive Welt von den eigenen Meinungszuständen zu unterscheiden, ganz davon abhängig, daß wir Gedanken haben, in denen wir von uns als von uns selbst etwas wissen. Darin liegt, daß die Subjektstellung von Subjekten und ein Gedanke von der Natur notwendigerweise zusammen eintreten, daß es aber irreführend wäre, beide aus einer schon vorausgesetzten Korrelation zwischen Subjekt und Objekt verständlich machen zu wollen. Damit ist dann auch schon angezeigt, daß sich vom Subjektsinn her noch mehr begreifen läßt als nur das, was im Gedanken von einem, der von sich selbst weiß, für sich allein schon mitgedacht ist.

Dieser Gedanke vom Subjekt als einem, der von sich weiß, stellt das philosophische Nachdenken vor eine Orientierungsaufgabe von großer Schwierigkeit. Es möchte vielleicht so scheinen, als sei das Wissen von sich die einfachste denkbare Weise von Wissen überhaupt. Und doch ist es von hoher Komplexion - unter anderem deshalb, weil es den Begriff der Selbstbezüglichkeit in unmittelbarer Anwendung auf je einen Fall solcher Selbstbeziehung einschließt. Zudem gerät es, wenn man es begreifen will, in die Gefahr, Paradoxa zu erzeugen, was wieder dazu führen kann, diese für unser Wissen zentrale Wissensart sogar für nicht existent zu erklären. Solche Paradoxa können sich an den Umstand anschließen, daß man, um von sich als von sich wissen zu können, auf ein vorausgehendes Verständnis von dem, was es heißt, von sich zu wissen, muß zurückgreifen können. Dies Verstehen setzt offenbar bereits den Besitz von Wissen von sich und also das voraus, was hatte erklärt werden sollen.

Vertieft man sich in diese Situation, so wird man zu der Einsicht geführt, daß unser Wissen von uns selbst, unser Selbstbewußtsein also, durch keine Analyse in einfache Komponenten aufgelöst werden kann. Wir können zwar Komponenten in ihm unterscheiden. Sie sind aber nicht selbständig, sondern nur Aspekte der komplexen Tatsachen des Wissens von sich, das selbst immer als bereits verstanden vorausgesetzt werden muß, wenn in ihm die Komponenten unterschieden werden. Darin gleicht das Selbstbewußtsein dem Wahrheitssinn, der gleichfalls in sich komplex ist, dennoch aber von nichts anderem als ihm selbst her expliziert zu werden vermag. Die Situation im Falle von Selbstbewußtsein ist nur insofern noch komplizierter, als Wahrheit ein formaler Grundgedanke von Objektbeziehung ist, Selbstbewußtsein aber immer nur aus einer aktualen Tatsache heraus gefaßt werden kann.

Wenn von Selbstbewußtsein immer als von einer bereits vollständigen Tatsache ausgegangen werden muß, so steht damit auch fest, daß es nicht aus irgend etwas von dem, was in ihm eingeschlossen ist, erklärt werden kann. Und da zudem auch kein Verfahren ausgedacht werden kann, kraft dessen das Wissen von sich ursprünglich erzeugt werden könnte, führt die Frage nach seinem Ursprung in eine Situation, die von gleicher Art ist wie die, die aus der Einsicht in die Unmöglichkeit seiner vollständigen Analyse hervorgeht: Da es nicht selbstexplikativ ist, muß man ihm einen Grund seiner Möglichkeit voraussetzen. Dieser Grund muß auch als von einer auslösenden Ursache unterschieden, und somit als interner Konstitutionsgrund gedacht werden. Da aber die Weise, in der Selbstbewußtsein hervorgeht, ihrerseits nicht verstanden werden kann, kann ein solcher Grund auch nur vorausgesetzt werden. Es gibt keine Möglichkeit, hinsichtlich seiner ein Wissen auch nur anzustreben, das die Verläßlichkeit einer Erkenntnis von irgendwelchen Gegenständen erreicht.

Diese Thesen zu einer schwierigen Problemlage gehören zunächst einmal ganz dem Bereich der philosophischen Grundlehre an. Unangesehen des Anscheins hoher und also lebensferner Abstraktion markieren sie aber doch tiefliegende und unhintergehbare Grundzüge der Situation, in der sich menschliches Leben als solches ausbildet und zu bewahren hat. Eben deshalb sind sie es auch, von denen die Verständigung über Subjektivität und ebenso die Verständigung über das Verhältnis von Kunst und Leben ihren Ausgang nehmen können.

Übersetzt man nämlich die abstrakten Formulierungen, die sich im Gang einer Aufklärung über das Wissen von sich ergeben, in eine Sprache, die aus dem Vollzug des menschlichen Lebens heraus spricht, dann besagen sie das Folgende: Dies unser Leben ist nicht nur ein Geschehen, das dahingeht. Es vollzieht sich im Wissen von sich und nimmt dieses Wissen in Anspruch, wo immer es von uns geführt und gestaltet werden kann. In einem durchaus einsichtigen Sinn existieren wir überhaupt nur, insofern wir in diesem Wissen von uns stehen. Aber dieses Zentrum unseres Daseins, von dem wir in allem Verstehen und Handeln ausgehen, ist uns selbst nicht etwa in Klarheit und Deutlichkeit erschlossen. Es ist zwar Ausgang, ebenso aber Grenze alles unseres Begreifens.

Als Theoretiker wissen wir von dieser Grundtatsache freilich nur dann etwas, wenn Selbstbewußtsein zu einem Theorieproblem geworden und wenn dieses Problem dann auch angemessen ausgearbeitet worden ist. Aber das Leben der Menschen ist selbst doch auch von einem vortheoretischen Wissen davon durchzogen, daß es in seinem Selbstbewußtsein an einer Wissengrenze positioniert ist. Es fragt sich nur, ob die Theoretiker, die zuerst begriffen haben, daß Selbstbewußtsein eine fundamentale Tatsache und ein Ausgangspunkt für Begründungen ist, in ihren Erklärungen, die sie von ihm gaben, diesem vortheoretischen Wissen auch haben gerecht werden können.

Dies vortheoretische Wissen bildet sich, diesseits jeder Reflexion auf die Verfassung von Selbstbewußtsein, und allein schon von der Einsicht in die Differenz her aus, die zwischen dem, als was wir uns selbst verstehen, und unserem Verständnis von der Welt herrscht, die unserem Erkennen erschlossen ist. denn was uns immer auch in dieser Welt begegnet und was wir von ihr begreifen können - durch nichts in ihr wird uns eine allen Zweifeln entrückte Auskunft über uns selber zuteil - eine Auskunft darüber also, inwiefern die Welt so beschaffen ist, daß in ihr oder in Beziehung auf sie ein Leben im Wissen von sich aufkommt. In die Verfassung der Welt ist das Wissen, welches von ihr weiß, durchaus nicht eingeschlossen, und ebensowenig das Wissen, das der von sich selber hat, der als Subjekt zu solchem Weltwissen gelangt. Das ist einer der Gründe dafür, daß schon die frühen Hochkulturen auf Ausdeutungen des Menschenlebens im Rahmen einer Konzeption von einem kosmischen Ordnungsgeschehen entworfen haben. Diese Deutungen können zwar über Lehren und in kultischer Praxis zur Evidenz gelangen. Sie müssen es aber auch, da sie den Grund ihrer Notwendigkeit aus dem Bewußtsein der Menschen gewinnen, daß ihnen ihr eigenes Dasein dunkel ist, weshalb es einer solchen Auslegung bedürftig ist und davon immer auch weiß.

Wir werden in der Folge den Prozeß der Verständigung, der sich anschließt an das Bewußtsein von der Dunkelheit des eigenen Lebens und vom entzogenen Grund dessen, daß es sich im Wissen von sich vollzieht, mit dem Ausdruck Subjektivität in einem damit definitorisch festgelegten Sinn bezeichnen. Aber auch die Wurzeln der Kunstproduktion wachsen aus dem Bewußtsein von dieser Dunkelheit auf. Des weiteren bildet sich in den bedeutenden Formen der Kunstproduktion zwischen dem Aufbau ihrer Werke und dem Vollzug von Subjektivität im eben angezeigten Sinne eine Konsonanz aus. Es sind diese Zusammenhänge, um deren Aufweis und Erklärung es im Folgenden zu gehen hat.

2. Ästhetik und Kunsttheorie

Viele haben gemeint, im Kunstwerk werde das unserer Welt immer schon eigene Gefüge gesteigert und verdichtet vergegenwärtigt. In Wahrheit ist aber der Einheitssinn der Welt, in der wir uns orientieren, eingeschränkt auf den einer durchgängigen Relationierung alles dessen, was in der Welt erfahren werden kann. Die Welt ist zwar eine, aber ihre Einheit ist nur als Anordnung nicht als eine Fügung zu charakterisieren, die alles, was in ihr besteht, zum Glied eines Ganzen werden läßt. Wir sind in dieser Welt auch nur insofern beheimatet, als sie uns in ihrer jeweiligen Anordnung vertraut ist, wir also in ihr eingelebt und in diesem schwachen Sinn geborgen sind. Diese Einhausung versteht sich darum zugleich nur als die Beruhigung in einer Situation, die dadurch von Grund aus geprägt ist, daß wir uns in dieser Welt in der Unklarheit über den Ursprung und die Bewandtnis unseres Lebens finden. Eine Bewandtnis würden wir diesem unserem Leben zusprechen, wenn es sich nicht nur aus einer unausweichlichen Notwendigkeit kontinuieren würde - wenn vielmehr Strebungen und Aufgaben, die ihm wesentlich und also unaufgebbar sind, nicht nur in ihm durchzuhalten wären, sondern in der Verfassung der Welt irgendeine Deckung und Entsprechung hätten. Aber schon unser eigenes Dasein als das eines Lebens, das im Wissen von sich steht, ist eigentlich ortlos in dem, als was wir die Welt, die uns erschlossen ist, zu erfahren haben.

In dieser Situation kommt die Bewegung auf, von der schon die Rede war und die auf eine Selbstdeutung ausgreift, von der zugleich und von vornherein klar ist, daß sie von keiner Erkenntnis ersetzt werden kann, die nur eine in der Tiefe der Welt schon verborgene Verfassung ans Licht bringt. Die Bewegung der Selbstdeutung muß über die Welt hinausgreifen, um den Grund unseres Lebens einbeziehen zu können. Zugleich muß sie aber auf die Welt bezogen bleiben und sie in die Deutung, die sich ihr bewährt, einbegriffen sein lassen. In unserem Leben ist ein Ausgriff dieser Art auf ein Ganzes, in das wir unser Leben einbringen können, immer schon am Werke, wenn er zumeist auch durch die Alltagsbesorgnis um die Erhaltung und die Ausgestaltung des Lebens überlagert bleibt und wenn die guten Gründe, aus denen er hervorgeht, von den Philosophen auch ignoriert werden können. Der Weltsinn, auf den hin sich dieser Ausgriff orientiert, kann im Unterschied zur Erfahrungswelt und ihrer Einhait der bloßen Anordnung die Einheit einer Integrationswelt genannt werden.

Albert Camus hat den Satz formuliert: Wenn die Welt in sich klar wäre, dann würde es die Kunst nicht geben ('Si le monde etait claire, l`art ne serais pas', Essais, Paris 1965, S. 176f.) - ein Satz, den wir in eigenem Namen aufnehmen können. Er zeigt prägnant an, wie nahe es nunmehr liegt, die Kunstproduktion als einbezogen in die Deutungsbewegung des Lebens und in seinen Ausgriff auf eine Integrationswelt zu verstehen. Doch kann ihm auch noch ein anderer Sinn gegeben werden. Um ihn zu erklären, müssen wir uns nun für einen Moment dem Gebiet der formalen Ästhetik zuwenden. Ihre Untersuchungen gelten dem Grund der Zuschreibung ästhetischer Qualitäten und somit einem Vorfeld auch der Kunstproduktion.

Dem Umstand, daß die Welt nur die Einheit bloßer Anordnung besitzt, entspricht eine weitere Tatsache, daß das, was uns in ihr begegnet, einem ontologischen Chaos nahekommt. Zu dieser Welt gehören Dinge mit ihren Eigenschaften und Zuständen, Materien wie Wasser und Luft, Geschehnisse, Umgebungsmuster wie Schneefall und in ihrem Status dubiose Quasiobjekte wie Schatten und Geräusche, und das alles in einem zwar wohl vertrauten, aber undurchsichtigen Ensemble. Die Gründe dieser Vielgestaltigkeit durchsichtig werden zu lassen, ist ein wichtiges Motiv für die Naturerklärung, die schon früh in der Menschheitsgeschichte anhebt. Die Menschen sind aber zudem und schon in ihrem alltäglichen Leben einem ständigen Wechsel der Zustände, Geschehnisse und Muster ausgesetzt. In Beziehung auf sie müssen sie sich handelnd und planend behaupten. So sind sie, aller Erklärung voran, immer auch dabei, die Weltsegmente, in die sie eingegliedert sind, zu durchmustern, um eine Übersicht über sie und über Auffälliges in ihr zu gewinnen und aufrecht zu erhalten. Dieser Erkundung in einer chaotischen Weltform und bei unabsehbarem Wechsel der Umgebungslagen dienen zwei intelligente Aktivitäten der Steuerung von Aufmerksamkeit. Die eine durchschwingt wahrnehmend die jeweilige Umgebung, um sie im Ganzen zu vergegenwärtigen. Die andere konzentriert sich in jeweils einzelne Weltgehalte und durchgliedert sie, um sich ihrer Eigenschaften und der Auswirkungen zu vergewissern, die von ihnen ausgehen können. Diesen beiden Modi von Aufmerksamkeit eignen also gegenläufig verfaßte Vollzugsweisen, die aber dahin zusammenwirken, daß Lebenserhaltung in einer undurchsichtigen Welt möglich wird. Im Vollzug beider Aktivitäten der Erkundung sind wir auf das, was uns in der Welt begegnet, nur insofern konzentriert, als wir von Interessen der Erforschung und der Selbstbehauptung geleitet sind, die immer auch über das hinausgreifen müssen, was uns jeweils begegnet. Und in diesen Ausgriff ist auch unser Wissen von uns eingebunden.

Doch wir können uns auch auf eine ganz andere Weise in Weltgehalte konzentrieren. Das geschieht dann, wenn sich die beiden Aktivitäten der welterkundenden Aufmerksamkeit verwandeln, und zwar dadurch, daß sie zusammentreten, um nunmehr in einer einzigen komplexen Aktivität zusammenzuwirken. Die Konzentration in einem Weltgehalt zieht so die Aktivität der durchschwingenden Erkundung von Umgebungen in sich hinein. Diese wird dann versuchen, das mannigfaltige, das zu dem jeweils einzelnen Weltgehalt gehört, selbst auch zu durchschwingen. Aber nur, wenn dieser Gehalt so beschaffen ist, daß er den Schwung im Durchlaufen seiner Mannigfaltigkeit nicht hindert, wenn er also in sich ihm gemäß organisiert ist, läßt die Konzentration, also die andere Aktivität, nicht von ihm ab, sondern wird durch den Rhythmus des Durchschwingens, der nun an die Konzentration in Einzelnes gebunden ist, stabilisiert und somit andauernd.

Wir kennen die Situation, die sich auf diese Weise ausbildet, als die der ästhetischen Betrachtung. Sie ist entlastet von allem Interesse, sich in der Welt zu behaupten. Und somit ist die zugleich der Grund einer eigenständigen Weise einer Wertschätzung der Weltgehalte, die der Betrachtung unterliegen - und zwar einer solchen, die in Graden gesteigert werden kann - entsprechend dem Ausmaß, in dem die Vereinigung der beiden Aktivitäten des Aufmerkens fugenlos gelingt. Diese Wertschätzung artikuliert sich in der Zuschreibung positiver ästhetischer Prädikate.

Es kann hier nicht darum gehen, die elementarästhetische Theorie, deren Ansatz nunmehr skizziert worden ist, des näheren zu erörtern und zu entwickeln. Wir wollen nur noch auf die Modifikation im Wissen von sich hinweisen, die mit der ästhetischen Betrachtung einhergeht. Indem die Betrachtung das Subjekt aus seiner Verwicklung mit Weltkonstitution und Weltbewältigung heraushebt, wird es auch in anderer Weise seiner selbst inne. So wie die Betrachtung in Beziehung auf die Weltgehalte kontemplativ ist, so kommt in einem mit ihr auch in die Selbstbeziehung eine von den Lebensbewegungen der Selbsterhaltung abgehobene Distanz. Zwar ist das Subjekt auf das, was die Betrachtung an sich zieht, in höherem Maße konzentriert als auf irgendwelche anderen Weltgehalte. Doch darüber vergeht nicht etwa sein Bewußtsein von sich selbst. Als Korrelat der Vertiefung in den Gehalt der Betrachtung bilden sich Klarheit und Ruhe in einem unbedrängten Bei-sich-selber aus.

Daraus ergibt sich, wie sich später zeigen wird, eine Grenze für die Vergegenwärtigung von Subjektivität in der Kunstgestalt. Zunächst aber ist aus der in der ästhetischen Betrachtung aktualisierten Weise des Wissens von sich ein erster Erklärungsgrund dafür zu gewinnen, daß die epistemische Form des Gewahrens doch wirklich eine Verbindung mit der Konzentration auf bedeutende Werke der Kunstproduktion eingehen kann - und zwar mit der Betrachtung solcher Werke, in denen dem Subjekt eine Integrationswelt vergegenwärtigt wird. Wir haben gesehen, warum das Subjekt aus dem Dunkel heraus, das für es seine eigene Verfassung umlagert und das seinen eigenen Grund zu einem ihm entzogenen macht, für die Selbstdeutung in der Gestalt eines solchen Weltentwurfs sensibel und daß es seiner bedürftig ist. Jede Selbstbeschreibung, die ihm angemutet wird, muß in ihm jedoch die Möglichkeit einer Einstellung antreffen, in welche Züge einer Kontemplation auch in Beziehung auf sich selbst eingegangen sind.

Das ist ein erster Erklärungsgrund, und gewiß nicht mehr. Denn in der Elementarästhetik, die skizziert wurde, ist noch nicht einmal die Kunstproduktion als solche erreicht, geschweige denn die, welche in den Prozeß der Selbstverständigung einbegriffen ist. Weltgehalte, die eine ästhetische Betrachtung auf sich ziehen, müssen nicht vom Menschen geschaffene Werke sein. Auch natürliche Gestalten und Szenerien können die ästhetische Kontemplation auf sich ziehen. Aber auch die Kunstproduktion läßt sich nicht etwa ausschließlich von der Möglichkeit her begreifen, in Werken, die Gehalte der Betrachtung sind, Möglichkeiten der Selbstdeutung in der Gestalt von Integrationswelten zu vergegenwärtigen. Würde man in der Theorie der Kunst davon ausgehen, so hätte das zur Folge, daß sie durch eine bei weitem überzogene Hochlegung ihrer Fundamente und Prämissen sowohl verarmt wie unglaubwürdig werden müßte. Eine wesentliche Bedingung dafür, daß sich die Beziehungen zwischen Subjektivität und Kunst so aufklären lassen, daß die Bedeutung von Kunst für die Selbstverständigung einsichtig wird, liegt gerade darin, sowohl die Kunsttheorie als auch die Erklärung von Subjektivität zuvor zu differenzieren und beiden damit ein geschmeidiges Instrumentarium zu geben. Nicht durch einsinnige und monolithische Erklärungen, sondern nur durch eine Erklärung, die viele Faktoren zu unterscheiden, sie dann aber auch zusammenzuführen weiß, lassen sich die Fragen höchsten Interesses angemessen behandeln, die sowohl der Theorie der Kunst wie der Theorie der Subjektivität aufgegeben sind.

Die ästhetische Betrachtung kommt in jedem Leben spontan auf, das kraft seines Wissens von sich zu Werken der Kunstproduktion kommt, muß aus einem Geflecht von Motiven erklärt werden, die von dem Bedürfnis zur Selbstverständigung zunächst noch ganz unabhängig sind. Die Kunstproduktion schließt sich immer der Gliederung an, die den Weltgehalten eignet, welche die ästhetische Betrachtung an sich ziehen. Die Bereitschaft, nunmehr solche Weltgehalte aus eigenem bildenden Schaffen hervorgehen zu lassen, kann man aus der besonderen Art von Gelingen erklären, das so erfahren werden kann. Das Gebilde, das aus der Kunstproduktion hervorgeht und auf das sich nunmehr die Betrachtung konzentrieren kann, ruht in sich und ist von weiteren Zwecken seines Gebrauches abgelöst. Insofern es in die Welt eingeht, kommt der, dem es gelungen ist, zugleich auf sich selbst zurück - und zwar anders als im Spiel, in dem es nur den transitorischen Erfolg und die Erinnerung geben kann. Zugleich kann ihm sein Werk dann auch zum Ausgang und auch zum Kontrast neuerlicher Produktion auf solches Gelingen hin werden. Ein Leben, das sich in solcher Produktivität sammelt, ist dem Bewußtsein vom Dahingleiten der Zeit und, trotz höchster Anstrengung, der Nötigung zur Reproduktion des Lebens durch Arbeit entrückt. All das erklärt schon hinreichend, warum Kunstproduktion mit dem menschlichen Leben von früh an und überall verbunden war.

Die Kunstproduktion setzt den Rahmen voraus, der aus der Fähigkeit zum ästhetischen Gewahren heraus aufgerichtet ist. Sie schließt sich aber nicht derart an ihn an, daß sie in ihn Werke einbildet, welche denen gleichen, die Naturprodukte sind und als solche in der ästhetischen Betrachtung geschätzt werden. Daß es sich so nicht verhölt, erklärt sich aus vielen Gründen, von denen hier nur zwei genannt werden sollen: Indem die Kunstproduktion auf die Erfahrung von Gelingen ausgeht, ist sie dazu bewogen, die Bedingungen sowohl zu steigern wie auch zu variieren, unter denen Weltgehalte die ästhetische Betrachtung auf sich ziehen, um so diese Erfahrung intensiver werden zu lassen. Aber sie ist von der Seite des ästhetischen Rahmens auch dazu genötigt, mit einer Weise des Bildens einzusetzen, die von der Nachbildung des Wirklichen abgehoben ist. Die Bedingungen nämlich, unter denen ein Weltgehalt dioe ästhetische Betrachtung an sich bindet, sind die des Gewahrens von Weltgehalten und Weltszenen, das dem Menschen allein kraft seiner epistemischen Ausstattung eignet. Es kann gar nicht aus besonnener Produktion hervorgehen, was schon daraus folgt, daß die Kunstproduktion doch ihrerseits die Fähigkeit zu solchem spontanen Gewahren bereits voraussetzt. Wird nun der Gehalt der Betrachtung selbst allererst erstellt, so werden über die Folge der Gestaltungsschritte hinweg owohl Aspekte der Weltgehalte als auch Potentiale der Mittel für die Gestaltung überhaupt erst auffällig werden. Aus der Intention des Gestaltens heraus, die auf Stimmigkeit im Betrachter geht, werden sie dann wie von selbst auf die Potentiale der Stimmigkeit hin erkundet, die von ihnen her in die Werkgestalt eingebildet werden soll. Die Untersuchung der vielen Faktoren, die dabei zur Wirkung kommen, ist eine der Aufgaben einer Elementartheorie der Kunstproduktion, die hier aber beiseite bleiben muß.

Drei ihrer Ergebnisse werden im Fortgang der Untersuchung über Kunst und Subjektivität von Bedeutung sein: (1) Werkformen, welche die Kunstproduktion in den ästhetischen Rahmen hineinbilden kann, sind ihrer Zahl nach im wörtlichen Sinn unendlich. (2) Eben deshalb kann über die Kunstproduktion, obwohl sie besonnen erfolgt, nicht vorab in Plänen disponiert werden. Sie kann nur als Erkundung vollzogen werden, also in einem Widerspiel zwischen spontanem Entwurf und überlegter Reaktion, die den Entwurf umbildet und vertieft. (3) Auch aufgrund der Vielfalt der Faktoren, die in die Kunstproduktion einbezogen werden können, sind Künstler sensibel für solche Möglichkeiten der Gestaltung, die aus dem Motivgeflecht des Zeitbewußtseins heraus eine besondere Chance haben, in der Betrachtung rezipiert zu werden und eine Zustimmung auf sich zu ziehen, welche über die elementarästhetische noch hinausgeht. Alle drei Ergebnisse tragen dazu bei, daß verstanden wird, wieso in Kunstwerken auch Möglichkeiten der Selbstverständigung für eine Subjektivität gelegen sein können, die freigesetzt und zur vollen Entfaltung gekommen ist.

3. Subjektivität als Prozeß

Was aber ist Subjektivität in dem so angezeigten Sinne ? Bisher haben wir das Wissen von sich, das Subjekte als solche konstituiert, nur als eine invariante Grundverfassung betrachtet. Was dabei aufgewiesen wurde, weist aber schon in eine Dynamik voraus, die von dieser Verfassung den Ausgang nimmt. Es ist dargelegt worden, daß Subjekte in das Wissen von sich eingesetzt sind. Hinter dies Wissen können sie durch keine Analyse zurückkommen, und ebensowenig können sie in einer Erkenntnis den Grund, den sie voraussetzen müssen, in concreto bestimmen. Sie stehen auch immer im Wissen von dieser Grenze, die ihnen aus ihrem eigenen Wesen heraus gesetzt ist. Denn sie können sich, was sie sind, aus der Welt, die ihnen erschlossen ist, nicht verständlich werden. Darum sind sie in eine Selbstauslegung gewiesen, die über ihre Welt hinausgreift und in der sie über sich und in einem damit auch über Ursprung und Bewandtnis ihrer Weltstellung verständigt werden.

Im Anschluß daran ist nun leicht einzusehen, warum diese Situation die Dynamik eines Prozesses der Selbstverständigung nach sich zieht. Jedes Subjekt, das in der Zeit besteht, hat sich im Wissen von sich zu kontinuieren. Das heißt zunächst zwar nur, daß es sich in seinem Dasein als Subjekt erhalten muß. Weil es sich als Subjekt aber auch unter der Bedingung der Ungewißheit über seinen Grund zu erhalten hat, muß seine Selbsterhaltung zugleich zu einem Prozeß der Selbstverständigung werden, der nicht vorab auf bestimmte Verständigungsgehalte festgelegt ist. Darin ist einer der vielen Gründe dafür gelegen, daß Subjekten als solchen wirklich auch immer ein Dasein in der Zeit zugeordnet werden muß. Denn nur in der Zeit können wir Phasen der Selbstverständigung als gegeneinander abgesetzt denken, so daß von einer Wandlung in der Selbstdeutung gesprochen werden kann.

Da dem Subjekt sein Grund entzogen ist, ist es nun aber mit Notwendigkeit auf Alternativen von Selbstdeutungen bezogen. Sie schließen einander aus, und doch weiß das Subjekt, daß es in jede von ihnen hineingezogen werden könnte. Die Grundform dieser Alternativen muß noch von den unabsehbar vielen konkreten Entwürfen einer Selbstdeutung unterschieden werden, zu denen Subjekte gelangen können. Allen solchen Deutungen voraus sieht aber jedes Subjekt immer darauf hinaus, daß es sich entweder in einem Ganzen, zu dem auch die ihm erschlossene Welt gehört, zusammen mit allen ihm selbst Wesentlichen, einbegriffen und bestätigt findet, oder daß es sich in eine Welt einbegriffen weiß, für die all dies gleichgültig bleibt, so daß es also einzusehen hätte, in allem, was ihm wesentlich sein muß, und somit in dem, worauf es in seinem Tun orientiert ist, sozusagen unterspült zu sein. Damit wäre es unter ein Selbstdementi gezwungen, das auf das Verdikt seiner Nichtigkeit hinausläuft. Vor diese Alternative weiß sich jedes Subjekt gestellt. Da aber die Vergewisserung dessen, ob es sich so oder so verhält, durch keine Erkenntnis zu gewinnen ist, die in objektiver Einstellung über alles entscheidet, muß es sich auch in einen Gang von Erfahrung verwiesen sehen, über den ihm die eine oder andere Grundform von Selbstdeutung zur wirklichen Überzeugung zu werden vermag. Von Erfahrung ist in diesem Zusammenhang zu sprechen, weil Selbstdeutungen zwar wohl aus unserem Überlegungen hervorgehen, weil sie aber nur dann angenommen werden, wenn die Einsicht aufkommt, daß wir unser Leben in ihrem Lichte zu führen haben. Eine solche Einsicht ist immer anderes als eine Schlußfolgerung, zu der wir im Nachdenken über ein vorliegendes Problemfeld gelangen. Sie geht in Situationen auf, in denen mein eigenes Leben unter eine Evidenz der Durchsicht kommt, die sich nur in einem damit über alles Leben ausbreitet.

Wenn die Evidenz einer Selbstdeutung von solchen Situationen abhängig ist und wenn Subjekte immer auch wissen, daß sie der Möglichkeit gegenläufiger Alternativen von Selbstdeutungen ausgesetzt sind, dann werden sie auch darauf vorausschauen, daß ihnen in Situationen ihres Lebens sowohl die eine wie die andere der gegenläufigen Selbstdeutungen zur Evidenz kommen wird. Sie können nicht davon augehen, daß eine Selbstdeutung, zu der sie einmal gelangt sind, ihnen für alle Zeit bewahrt bleiben wird. Denn sie müßte doch vor ihrer Alternative zur Bewährung kommen. Das aber schließt ein, daß die Alternative in ihrer ganzen Prägnanz und also ihrer Anwendbarkeit auf das eigene Leben wirklich erfahren worden ist.

In Lebendeutungen, welche die Hochreligionen über die von ihnen geprägten Kulturen den Menschen angemutet haben, wurde darauf immer auch Rücksicht genommen. Sie führten stets Bilder davon vor Augen, worin die Erfahrung von Selbstverlust bestehen und wohin sie führen würde, um so die Evidenz ihrer eigenen Lebenslehren und -verheißungen von ihrem Gegenbild her aufgehen zu lassen. Solche von Institutionen gedeckte Selbstdeutungen lassen sich also wohl auf den antizipierten Konflikt zwischen Alternativen ein, suchen aber zugleich, die Subjekte vom ungeschützten Durchgang durch diesen Konflikt zu bewahren. In einer Epoche, in der die Subjekte von solchen Vorgaben freigesetzt sind, werden sie von sich selbst aus auf einen Weg vorausblicken, der sie wirklich auch selbst durch Erfahrungen führt, in denen sie unter jede der Alternativen in diesem Konflikt der Selbstdeutung gezogen werden.

Eben deshalb müssen sie dann aber auch den Weg als ganzen darauf hin orientiert sehen, daß sie schließlich zu einer Selbstverständigung gelangen können, die nicht mehr noch einem Umbruch in eine weitere oder in die jeweils andere Alternative ausgesetzt ist - und zwar deshalb, weil diese finale Selbstverständigung ihrerseits aus der Antwort auf die Erfahrungen hervorgegangen ist, die zuvor unter den Grundalternativen gemacht worden sind.

Eine solche Selbstverständigung, die definitiv und abschließend ist, wird sich von denen, die jeweils unter den Alternativen von Affirmation und Nichtigkeit gemacht worden sind, durch zweierlei unterscheiden: Sie kann nicht aus einer Erfahrungsart hervorgehen, die in einer Situation und darum sozusagen punktuell zur höchsten Evidenz gesteigert ist. Denn sie geht auch als ein Resümee aus den zuvor gemachten Erfahrungen hervor. Dann muß sie aber auch dies, daß sie als die letztlich stabile Vergewisserung aus einem solchen Gang hervorzugehen hat, in das einbegreifen, wovon sie weiß und woraus sie ihre Selbstdeutung gewinnt. Denn dies, daß die Selbstverständigung in einen Gang gewiesen ist, muß doch selbst noch in dem begründet sein, was als Grund der Möglichkeit und zugleich als Grund einer möglichen Affirmation des Subjektseins vorausgesetzt wird. Insofern hat diese Selbstdeutung einerseits den Status einer Verständigung in der zweiten Stufe. Andererseits schreibt sie in das, von woher sie sich versteht, den Grund des Prozesses ein, der sie zu ihrer Selbstverständigung führt. Der Abschluß des Ganges ist insofern zugleich die Erinnerung sowohl seines Verlaufes wie auch seines Grundes. Zuvor ist gezeigt worden, warum Subjekte auf eine Verständigung aus dem Gedanken einer Integrationswelt ausgreifen. Nun ist darüber hinaus deutlich geworden, daß die Subjekte dabei in einen Gang der Verständigung gewiesen sind, der sie in miteinander konfligierende Erfahrungen zieht. Nur so öffnet sich ihnen die Aussicht auf eine Verständigungsart, mit der sie nicht durch das forcierte und angstbesetzte Verdrängen von Alternativen in eine bloße Scheinstabilität gebracht werden. Sind Subjekte einmal aus öffentlich institutionalisierten Selbstdeutungen entlassen, die es ihnen ersparen könnten, in den jeweils eigenen Gang einer solchen Verständigung gezogen zu werden, dann gilt für jede Phase ihrer Selbsterhaltung, daß sie sich in diesem Gang begriffen wissen und daß sie auf ein Verständigungsgeschehen, dessen sie sich ebensowenig wie ihres Grundes in gegenständlicher Einstellung mächtig sind, sowohl zurück- wie auch vorausschauen.

Von Subjektivität kann man schon mit Bezug auf die Verfassung des Wissens von sich sprechen, das den Subjekten aus eine Selbstdeutung in dem Konzept einer Integrationswelt verweist. Nun aber hat sich uns ein Sinn von 'Subjektivität' auch in Bezug auf eine Bewegtheit des Lebens ergeben, der sich Subjekte ausgesetzt finden und die sie zugleich als ihnen wesentlich wissen. Von der Verfassung eben dieser Dynamik ist zuletzt die Rede gewesen. Wenn nunmehr die Beziehungen von Subjektivität und Kunst das Thema sind, dann soll von Subjektivität in dieser weiteren Bedeutung als Grundtendenz eines bewußten Lebens ausgegangen werden.

Aus freigesetzter Subjektivität geht die Fähigkeit hervor, sich in vielgestaltige Lebenslagen und -geschicke einzustimmen. So ist sie der Grund der Sensibilität für die untergründige Bewegtheit im Leben von Menschen und für die Stimmungslagen, die sie umgeben, also für das, was irreführend 'Innerlichkeit' genannt wird. Solche Subjektivität hat die moderne Pädagogik, die Vertiefung des psychologischen und des historischen Verstehens, die Humanisierung des Strafrechts und eine politische Ordnung ermöglicht, die nicht um der Kohäsion der Gesellschaft willen auch die Lebensart der Bürger normiert. Da Freisetzung immer auch mit dem Schwund der von außen gestützten Sekurität verbunden ist, kann sie auch die Sehnsucht nach deren Rückkehr oder die Tendenz zur gewalttätigen Aufrichtung eines Sekuritätssystems aufkommen lassen. Aber nicht darauf, sondern auf Kunst, insofern sie der Subjektivität in dem nunmehr definierten erweiterten Sinn korrespondiert, haben wir nun einzugehen.

4. Vergegenwärtigung im Formverlauf

Schon die ästhetische Betrachtung versetzt Subjekte in eine Stellung, in der sie der beiden Aktivitäten ihrer Welterkundung als Elemente der Formkonstitution eines Weltgehaltes innewerden. Die Kunstproduktion vertieft und akzentuiert die in der ästhetischen Betrachtung vorgebildete Synthesis in ihrer Formgebung von Werken. Indem sich Kunstprodukte von der eingewöhnten Welterfahrung abheben, sind sie immer auch dafür geeignet, Ansätze und Spuren einer Integrationswelt aufscheinen zu lassen. In den frühen Hochkulturen wirkt die monumentale Kunst geradezu dahin, durch die in ihrer Formgebung gelegenen Anmutungen in eine Haltung hineinzurufen, welche der in der Religion öffentlich aufgerichteten Lebensdeutung entspricht. Aber die Kunstwerke, in deren Formgebung die dynamisch verfaßte Subjektivität als solche vergegenwärtigt wird, können in noch ganz anderer Weise an die Dynamik anschließen, die schon in den Weltgehalt eingebildet ist, auf den sich die ästhetische Betrachtung konzentriert.

Ist die Kunstpraxis zur Dynamik der Lebensbewegung in ein bestimmtes Verhältnis zu bringen, dann werden wir es am leichtesten näher erläutern können im Blick auf die Künste, deren Werkgestalt über ihre Entfaltung in der Zeit zustandekommt, also die Sprach- und Bewegungskünste, unter denen die Tonkunst hervorragt. Denn für deren Werken kann die Abfolge von Anheben in einer Ausgangskonstellation, Gang der Durchbildung durch Kontraste und Resumption dieser Bewegung zu einer versammelnden Übersicht ebenso wesentlich sein wie für die Dynamik im bewußten Leben der Subjektivität. Ein Grundunterschied zwischen beiden Bewegungsarten darf dabei freilich nicht übersehen werden, zumal ihm in der Folge durchaus Gewicht für den Fortgang der Argumentation zukommen wird: Waches Gewahren der Bewegung in der Betrachtung auf Seiten der Kunst ist unterschieden von einer Verstehensbewegung, die zwar der Kontemplation fähig, zugleich aber um die Selbsterhaltung der Subjektivität besorgt ist und die gedankenvoll und über ein konzipierendes Denken vollzogen werden muß. Diese Verstehensbewegung gehört zudem einem Leben an, das in viele andere weltbefangene Aktivitäten und Geschäfte einbezogen ist, so daß sie auch deshalb innerhalb seiner kaum jemals rein und für sich vergegenwärtigt wird. Aber eben dies erklärt es dann auch, daß Kunstwerke trotz ihrer Differenz gegenüber dem Leben und eben kraft solcher Vergegenwärtigung das bewußte Leben selbst noch in der Kontemplation der Betrachtung betreffen, bewegen und sogar erschüttern können. Zu einer solchen Wirkung können nur Kunstwerke kommen, die schon durch ihren komplexen Bau und dadurch, daß sie den Verwicklungen des Alltags und auch den Routinen der Gebrauchskunst entzogen sind, eine Konzentration von der Art auf sich ziehen, die eine Resonanz für die Bewegtheit des Lebens unterhalb der Oberflächen aufkommen läßt.

Die Dynamik in Aufbau und Verlauf solcher Kunstwerke kann man ihrer Verlaufsform nach so charakterisieren: Das Werk hebt mit einem Takt oder Satz an, der zugleich einen Raum für die Durchführung öffnet und eine wohlbestimmte, in der Konsequenz aber noch nicht absehbare Situation setzt und in Bewegung versetzt. Diese Situation muß sich nun im Fortgang ausgestalten. Das geschieht so, daß der Einsatz differenzierend fortgeführt und zugleich in ein Widerspiel mit Kontrasten gebracht wird. Soll sich diese Entwicklung der Lebensbewegung anschließen können, dann müssen die Kontraste in dem Raum, der durch den Anfang erschlossen wurde, möglichst extreme sein. Wie die Lebensbewegung muß diese Entwicklung aber auch durch solche Kontraste hindurch auf einen Abschluß hin tendieren. In ihm wird realisiert sein, daß die Kontraste den Verlauf nicht aufsprengen, so daß ein Einklang möglich wird, mit dem den Kontrasten eine definitive Position in dem Ganzen zuwächst, ohne daß sie dabei abgeschwächt oder verwischt werden.

Das Bewußtsein, das wach mit einem solchen Verlauf mitgeht, kann innerhalb seiner nicht nur auf die jeweilige Phase seiner Entfaltung konzentriert sein. Es muß immer zugleich dessen innesein, wie sich die gesamte Bewegung vom Ausgang zum Abschluß hin artikuliert. Doch das kann wiederum nicht so geschehen, daß nur eine Spannung, die aus der Ungewißheit hinsichtlich des Ausgangs hervorgeht, bis zum wirklichen Abschluß andauert, um dann mit der Auflösung zum Erliegen zu kommen. Eine solche Spannung, welche die Aufmerksamkeit fixiert, ist ganz unvereinbar mit der ästhetischen Betrachtung. Die Betrachtung erlaubt es nicht, gefesselt zu sein, sondern sie muß frei mitgehen und deshalb jederzeit auch frei auf eine Übersicht ausgehen. Der Formverlauf des Werkes muß deshalb so organisiert sein, daß der Ausgang absehbar wird, ohne deshalb auch schon vorausgenommen zu sein. Das geschieht dadurch, daß das Werk innerhalb seines Ganges selbst auf einen Kulminationspunkt zustrebt, von dem her jene Übersicht über das Ganze noch innerhalb seines Verlaufes wirklich eintritt, und zwar in gleichgewichtiger Beziehung auf den weiterhin präsenten Anfang und auf das noch ausstehende Ende. Indem das Werk von Beginn an nicht in der Erwartung der Auflösung einer Art von Rätsel, sondern über die allmähliche Ausbildung dieser Übersicht aufgenommen wird, ist die Weise der Zuwendung zu ihm die der ästhetischen Betrachtung.

Doch Werke solcher Verfassung können in einem damit, daß die Betrachtung auf sie gezogen wird, noch eine ganz anders geartete Resonanz auslösen: Der Gang der Lebensbewegung, welche die Subjektivität ist, kann in ihnen vergegenwärtigt sein. Insofern das geschieht, ist in ihre Rezeption die Subjektivität als das engagiert, was das bewußte Leben als solches ausmacht. Eine solche Vergegenwärtigung wird zwar in keiner Weise davon entlastet, daß die Dynamik der Subjektivität im wirklichen Leben vollzogen und über ihre Selbsterhaltung ausgestanden werden muß. Aus ihr geht aber eine Affirmation dessen hervor, daß diesem freien Vollzug von Subjektivität eine letzte Bedeutung beizulegen ist. Zudem erschließt sie die Erfahrung von einer Ordnung und von einem möglichen Ausgleich im Durchgang durch die Konflikte, in welche diese Dynamik zieht, sowie einer im Leben platzgreifenden Übersicht über sie, ohne daß diese Synthesis auf eine Abschwächung und ein Dementi von deren Ernst hinauslaufen müßte. Schließlich wird über die Weise des Einsatzes für den Formverlauf des Werkes und kraft seiner Durchführung auch noch die Anmutung einer Integrationswelt freigesetzt. Mit der Affirmation der Lebensdynamik und ihrer Einschreibung in eine solche Integrationswelt hat das Werk unangesehen dessen, daß es in der Distanz der Betrachtung bleibt, doch Anschluß an die Aufgaben und Erfahrungen, welche jedem Subjekt insofern aufgegeben sind, als es der Dynamik von Subjektivität unterliegt. Vor allem aber gibt es einen Aufschluß über sie und über sowohl das Recht wie die Notwendigkeit, sich in ihr zu erhalten und so mit sich identisch zu sein. Subjekte, denen das, was ihrem eigenen bewußten Leben wesentlich ist, zumeist durch die Verwicklung in ihre Alltagswelt verdeckt ist, können dies, daß sie, wenn auch nur in der Betrachtung, in eine Bewegtheit gezogen werden, die ihnen wesentlich ist, als eine Befreiung zu sich selbst erfahren, die von überwältigender Wirkung sein kann. Sie können vom Formverlauf eines Werkes aber auch erschüttert werden, insofern in ihm unabweisbar heraustritt, in welche Extreme ein Lebensgang gezogen werden kann, ohne daß zuvor absehbar gewesen wäre, wie ihnen mit der eigenen Kraft standzuhalten wäre oder wie sie gar zu einem Ausgleich verwandelt werden könnten, obwohl darauf doch immer ausgegangen werden muß.

Nur von bedeutenden Kunstwerken können solche Wirkungen ausgehen. Nach allem, was zuvor entwickelt wurde, versteht es sich, daß auch in der Epoche der freigesetzten Subjektivität, so wie in jeder anderen, Kunstwerke entstanden, die eine solche Bedeutung nicht besitzen und die einzig als Erkundungen und Vertiefungen von Möglichkeiten der Formgebung innerhalb des ästhetischen Rahmens zu verstehen sind. Sie können Rang haben, ohne daß ihnen die Kraft einer Befreiung des bewußten Lebens eignet. Bedeutende Werke, die auf eine Resonanz in diesem Leben ausgehen, können allerdings auch nicht etwa dadurch gelingen, daß sie ihren Formverlauf einer zusätzlichen Bedingung unterwerfen, die sie aus einem dem Formverlauf äußerlichen Interesse herleitet. Die Resonanz in der Subjektivität muß von der Grundanlage des Formverlaufs her ermöglicht sein. Das aber heißt, daß die Entwicklung des Mediums der Kunst, in der solche bedeutende Werke entstehen, von sich aus auf eine Vertiefung vorbereitet sein muß, die dann weiter auch eine solche Resonanz freisetzt. Dafür, daß auch dieser Zusammenhang verstanden werden kann, wären Untersuchungen über Stilgeschichte im Verhältnis zur Bedeutungsgeschichte die Voraussetzung.

Angesichts der Unendlichkeit möglicher Formgebungen gehört zu jeder Kunstproduktion von Gewicht, daß sie aus einer Erkundung, nicht aus der Variation eines schon erreichten Musters hervorgeht. Das gilt in erhöhtem Maße für Kunstproduktionen, in denen die Dynamik der Subjektivität vergegenwärtigt werden soll, die, wenn sie freigesetzt ist, doch gerade dadurch charakterisiert ist, daß sie sich selbst auch in einem Erfahrungsgang und insofern erkundend vollzieht. Daraus ergibt sich hinsichtlich der Stilgeschichte, daß Wandlungen in ihr, welche eigentlich nur die Eigenständigkeit der Kunstproduktion in ihrer Kreativität des Erkundens bewahren, schon früh sensibel sind für andere Wandlungen, die in der allgemeinen Bewußtseinslage ihrer Zeit vor sich gehen. Darum kann das Metier einer Kunst auch schon von lange her für diejenigen bedeutenden Leistungen vorbereitet sein, in denen die Kunstproduktion dann wirklich dahin gelangt, die Dynamik der Subjektivität zu vergegenwärtigen, und zwar ohne eine der Formgebung äußerliche Manipulation.

Derselbe Grund erklärt dann weiter auch, warum das Metier der Kunstproduktion es verlangt, selbst über die bedeutensten Leistungen, in denen eine solche Synthese wirklich vollzogen worden ist, schließlich auch wieder hinauszugehen. Eine Kunstproduktion, die in Konsonanz mit Subjektivität steht, muß doch das Metier, in dem deren Vergegenwärtigung erfolgt, gemäß einem Gesetz, unter dem jede Kunstproduktion steht, immer wieder auch neu ausgestalten. So konnte die Symphonie nicht an Beethovens Kompositionsart festhalten. Sie mußte die Form in eine neue Erkundungsbewegung versetzen - nicht deshalb, weil die Engführung von Form und Subjektivität obsolet geworden wäre, sondern umwillen der Bewahrung eben dieser Engführung in einer Weise, die nicht nach einem Muster wiederholt werden darf, womit sie ihrer Resonanz in einem Leben, das sich selbst in einer Erfahrunsbewegung vollzieht, beraubt werden würde.

5. Vertiefung über Distanzen

Nun kann es jedoch auch dahin kommen, daß das Metier nur in Bewegung gehalten werden kann, wenn es in Erkundungsbewegungen versetzt wird, welche die Engführung zwischen der Vergegenwärtigung der Dynamik der Subjektivität und dem Formverlauf der Werke nicht weiter noch zulassen. Geschieht dies, dann gehört die Engführung zwischen beiden in der zuvor beschriebenen Gestalt der Vergangenheit an, und die Subjektivität könnte die Möglichkeit zur Vergegenwärtigung ihrer selbst im Medium einer Kunst oder in der Kunstform überhaupt verlieren. Ist man zu dieser Überlegung gelangt, dann liegt es nahe, die Entwicklung der Künste in der Wendung hin zum zwanzigsten Jahrhundert eben daraus zu erklären. Das würde dann  die These einschließen, daß die Künste aus der ihnen eigenen Entwicklungslogik heraus zu einem Verlust an kulturellem und humanem Gewicht verurteilt gewesen sind. Daran läßt sich dann weiter die Diagnose des Beginns einer Krise der Kunst anschließen: Eine Kunst, die aus der Epoche der freigesetzten Subjektivität herkommt, verliert, wenn sie nur noch den Gesetzen ihres Metiers folgen kann, schließlich auch ihre Fähigkeit, sich überhaupt noch kohärent zu kontinuieren.

Als die Diagnose solchen Endens wäre diese Erklärung nur eine Variante unter den vielen derselben Art und Absicht, die in der kunsttheoretischen Literatur umgehen. Als Besonderheit würde ihr nur die These eignen, daß sie davon ausgeht, die Subjektivität könne der Möglichkeit zur Vergegenwärtigung in Kunstgestalt beraubt sein, während sie selbst in eben der Weise, die zuvor durch Kunst vergegenwärtigt war, doch weiter fortwirkt. Wird man darauf aufmerksam,  dann legt es sich weiter auch noch nahe, die Diagnose von einer Abschwächung und von einem Enden, welche für die Kunstentwicklung gelten soll, durch eine solche zu ergänzen, die nunmehr auch die Subjektivität als solche betrifft. Denn der Übergang zu Weisen der Kunstproduktion, die Subjektivität nicht mehr vergegenwärtigen, könnte doch zusammengehen mit einem Auflösungsprozeß, der innerhalb der Subjektivität selbst platzgreift. In der Abwendung der Künste von der Vergegenwärtigung der Dynamik von Subjektivität, wie immer sie durch Entwicklungen im Metier erzwungen sein mag, würde man damit zugleich auch der Einsicht Rechnung getragen sehen können, daß solche Subjektivität selbst obsolet, daß ihre Macht über das Leben zudem auf eine eng begrenzte Periode eingeschränkt gewesen sei, die inzwischen zuende gegangen ist. Es bliebe dann noch die Aufgabe, dieser vergangenen Periode als solcher die Diagnose zu stellen. Vor allem aber wäre nunmehr zu fragen, welche anderen Weisen humaner Erfahrung nach der Umbildung im Metier der Künste nunmehr vergegenwärtigt werden könnten. Eine Diagnose solcher Art, die im Anschluß an das Ende der großen Kunst auch das Ende der Subjektivität konstatiert, hat inzwischen gleichfalls viele Fürsprecher gefunden.

Beiden Diagnosen des Endens muß aber widersprochen werden - nicht nur um der Wahrheit willen, sondern auch um willen der Bewahrung einer vertieften Form bewußten Lebens. Die sachlichen Gründe für diesen Widerstand sind aus dem herzuleiten, was die vorausgehenden Analysen von Subjektivität ergeben haben. Sie hatten zunächst der Grundform und dann der Dynamik von Subjektivität gegolten. Die Dynamik geht aus der Grundform hervor, und wir sahen, warum Subjekte, sofern sie nur von Deutungssystemen, die eine Herrschaftsposition innehaben, freigesetzt sind, sich immer auch in den Vollzug eines bewußten Lebens gewiesen sehen, das dieser Dynamik unterliegt. Die Grundform im Vollzugsverlauf dieses Lebens kann ihnen im Formverlauf des Kunstwerks vergegenwärtigt werden. Dabei ist jedoch immer auch hervorgehoben worden, daß die Vergegenwärtigung etwas in Übersicht bringt, was selbst nur in der Form einer resümierenden Erinnerung diese Übersichtlichkeit haben kann, nicht aber in seinem Verlauf, insofern er in Konflikte gezogen und von ihnen bedrängt ist. Dem ist nun hinzuzufügen, daß in dem Formverlauf eines Werkes und der ihm eigenen Dynamik grundsätzlich nicht alles vergegenwärtigt werden kann, was für den Vollzug des bewußten Lebens charakteristisch ist.

Denn der Formverlauf des Kunstwerks wird auch dort, wo er bewegt und erschüttert, durchgängig in der Betrachtung erschlossen. Wir haben gesehen, daß für diese Betrachtung eine besondere Weise der Distanz sowohl zur Welt wie auch des Subjektes zu sich selbst Konstitution ist. Im Prozeß der Subjektivität selbst bilden sich aber Distanzen von vielerlei und von ganz verschiedener Art aus. Zwar gibt es für Subjektivität, die auf dem Wissen von sich beruht, nur Distanzen als Modi von Bewußtsein. Sie sind also insofern immer auch geschlossen, als sie in einem Wissen von sich übergriffen werden. Aber diese epistemische um emotionale Einheit einer Distanz mit ihrer Schließung kann selbst doch ganz verschieden ausgebildet sein. Als Beispiele für Distanzen von verschiedener Verfassung und Schließung braucht nur an einige der bereits erörterten Bewußtseinslagen innerhalb der Dynamik von Subjektivität erinnert zu werden: Im Wissen von sich, das eine Distanz einschließt, konstituiert sich das Subjekt (1), und sein Ausgriff in die Welt ist in einer anderen Weise distanziert (2) als seine Aufmerksamkeit in der Betrachtung (3). Im gegenwärtigen Zusammenhang ist die Erfahrung jener anderen Distanzen von Bedeutung, die im Prozeß der Subjektivität aufkommen (4). So steht das Subjekt, das sich ausdrücklich dessen bewußt ist, daß ihm ein ihm entzogener Grund vorauseilt, in einer veränderten Distanz zu sich. Indem es sich einem solchen Grund zuordnet, vergrößert sich seine Selbstdistanz. Sie wird aber zugleich doch insofern geschlossen, als das Subjekt nun im Bewußtsein davon steht, mitsamt seiner aktivischen Lebensgestaltung in den Vollzug seines Lebens eingesetzt zu sein. Die Selbstdeutungen, die sich an dieses Bewußtsein anschließen, modifizieren dann ihrerseits, und jede für sich, die Selbstdistanz auf jeweils ihnen eigentümliche Weise (5). So ist ohne weiteres klar, daß eine Erfahrung davon, daß dem bewußten Leben jede Affirmation durch die Ordnung entzogen wird, der sein Grund zugehört, zu einer äußersten Gestalt der Selbstdistanzierung führt. Die Schließung der Distanz dieser Not geschieht nur noch in dem Bewußtsein, daß ich es bin, der sich selbst zugleich doch wie einen unabwendbaren Ablauf hinzunehmen hat. In der erinnernden Übersicht über den ganzen Gang des bewußten Lebens tritt schließlich eine weitere Weise von Distanz samt der iht zugehörigen Weise der Schließung ein (6).

Keine Betrachtung kann die Bewegung des bewußten Lebens angemessen vergegenwärtigen, insofern sie ein Gang auch durch solche Weisen von Distanz und Selbstdistanz ist. das ist so wenig möglich, wie es sinnvoll wäre, das Wissen von sich zu einer Gegebenheit im Gewahren eines Weltgehaltes werden zu lassen. Weil sie im Wissen von sich und aus diesem Wissen heraus geschieht, vollzieht sich die Bewegung der Subjektivität unter einer Bedingung, von der man sagen kann, daß sie jede Vergegenwärtigung um eine Dimensionszahl übertrifft. Dann aber muß gesagt werden, daß die Vergegenwärtigung von Subjektivität im Kunstwerk beides zugleich ist: Eine Befreiung der Subjektivität zu sich und, als notwendige Folge dieses Befreiungsaktes selber, auch eine sublime Verdeckung von Zügen, welche der Dynamik der Subjektivität doch wesentlich zugehören.

So läßt es sich erklären, daß die Kunstwerke, welche diese Dynamik vergegenwärtigen, auch nach Jahrhunderten noch erschüttern und befreien und daß sie dennoch nicht mehr in fugenloser Konkordanz mit dem Bewußtsein ihrer gegenwärtigen Rezipienten sind. Gewiß trägt dazu bei, daß die Medien der Kunstproduktion weitgehenden Wandlungen unterlagen. Doch sind diese Wandlungen selbst zwar noch nicht davon ausgelöst, wohl aber dadurch begünstigt worden, daß von der Subjektivität selbst ein Widerstand gegen die vorausgehende Gestalt ihrer Vergegenwärtigung ausgehen mußte. Diese Gestalt ist also nicht nur wegen der fortschreitenden Formgeschichte des Mediums, sondern auch als die ursprüngliche Form der Vergegenwärtigung von Subjektivität historisch geworden.

Wenn ein klares Bewußtsein davon aufkommt, daß in der Vergegenwärtigung von Subjektivität die in deren Verlauf einbegriffene Wandlung der Distanzen nicht aufgenommen ist, dann wird sich die Tendenz dazu ausbilden, auch solche Distanzen nunmehr in die Vergegenwärtigung einwirken zu lassen. Und eben daraus baut sich gegenüber der Kunstform, in der das nicht geschieht, und dann auch gegenüber jeder Verständigung über Subjektivität, welche diese Tiefendimension verstellt, ein Vorbehalt auf. Die Kunst, welche dieser Tendenz folgt, ist dann aber auch dazu genötigt, von der Vergegenwärtigung des Formverlaufs der Dynamik von Subjektivität als dem alleinigen Ziel abzulassen. Es muß ihr nunmehr vor allem nahegelgt sein, in der Kunstgestalt auch die Distanzverläufe und dann gerade diejenigen Distanzen zur Wirkung kommen zu lassen, die im Gang der Entfaltung von Subjektivität deren harmonischen Verlauf zu einem Ausgleich hin am meisten in Frage stellen können: das Bewußtsein von der Unverfügbarkeit des Grundes und die Not in der Erfahrung des Ausstands einer Affirmation von Subjektivität. Das Dunkel im Untergrund des bewußten Lebens, der Sog in eine Erfahrungsart, in der es sich selbst zu verlieren scheint, und Kontraste, die sich einer konkordanten Auflösung widersetzen, werden dann in Werkformen am ehesten evoziert werden.

Kunstwerke, die mit solcher Akzentuierung in der Subjektivität Resonanz finden, können im Unterschied zu dem, worauf die klassische Kunst im Zeitalter der Subjektivität ausging, die Verfassung von Subjektivität nur partial vergegenwärtigen. Das heißt aber dennoch nicht, daß die Beziehung auf die Dynamik der Subjektivität als ganzer von ihnen aufgegeben worden ist. In zumindest zweierlei Weise ist sie ihnen gegenwärtig: Durch ihren impliziten Bezug auf die ihnen vorausgehende Werkgestalt, der auch schon durch die bewußte Absetzung von ihr aufrecht erhalten ist, vor allem aber durch ihre weiter anhaltende, zumindest untergründige Bemühung um einen eigenen stimmigen Formverlauf. Wann immer ein Kunstwerk mehr ist als eine Erkundung rein nur der Möglichkeiten, die ihm zu seiner Zeit in seinem Medium offenstehen, und wo es auf Resonanz in der Subjektivität hin angelegt ist, da ist es, wo es sich um seinen Formverlauf bemüht, bereits mit der Beziehung auf eine Dynamik dieser Subjektivität verbunden, die nicht im Ausstand jeglicher Affirmation zum Erliegen kommt.

So erweist sich also die These, Werken dieser Art liege die Erfahrung von Ende des Subjektes und des Zeitalters der Subjektivität zugrunde, als eine vorschnelle Schlußfolgerung aus unzureichend durchdachten Prämissen. Sie geht aus einem unzureichenden Verständnis von Subjektivität und zudem aus einer Diagnose der Situation der Kunst hervor, die sich von Phänomenen an der Oberfläche verwirren läßt. Die Kunstproduktion kann dann, wenn ihre Vergegenwärtigung von Subjektivität begrenzt bleibt, in den Prozeß von Subjektivität sogar noch tiefer einbegriffen sein als zu der Zeit, in der ihr die Vergegenwärtigung von deren Dynamik im Formprozeß zuerst gelang. Das kann sich unter vielem anderen auch daran zeigen, daß Kunstwerke, die auf eine Rezeption in der Weise der Betrachtung angewiesen sind, zugleich dagegen anzugehen versuchen, daß das Subjekt rein nur in der Position des Betrachters verharren kann.

Das Subjekt greift zwar in jeder Phase des Ganges, der in seinem Wissen von sich anhebt, auf die Vergewisserung in einem Ganzen aus. Doch ist es ihrer nicht mächtig. Und nur in einer Bewegung, in der sich das bewußte Leben durch Konflikte seinen Gang bewahrt, kann sie ihm zuteil werden. War also in der Zeit, in der die Subjektivität zu sich freikam, der Mut zur Tiefe und Klarheit in der Vergegenwärtigung ihres Formverlaufs ein Grundimperativ, aus dem heraus große Kunst geschaffen wurde, so steht Kunst heute unter dem Imperativ der Verhaltenheit und des verhaltenen Sich-Einlassens in die Vielfalt der Distanzen. Deren bedarf sie durchaus, um Subjektivität vertieft auch noch gegenüber der Hochzeit ihrer Freisetzung vergegenwärtigen zu können.

So zeigt sich also, daß eine weit ausgreifende Untersuchung über Subjektivität die Voraussetzung dafür ist, daß den Proklamationen des Endes, des Endes der Subjektivität oder des Endes jeder wesentlichen Kunst, der Boden entzogen wird.

Unangesehen dessen gibt es aber andere gewichtige Gründe dafür, die Zukunft sowohl der Subjektivität als auch der Kunst in maßgebender Gestalt für ungesichert zu halten. Die Kunstproduktion ist schon durch Entwicklungen in ihren Medien in eine kritische Situation gekommen. Und die Zukunft der Subjektivität kann man allein aufgrund der Veränderungen in den gesellschaftlichen Verhältnissen für gefährdet halten. Das Resultat unsrer Überlegungen zum Verhältnis von Subjektivität und Kunst führt also unmittelbar zur Formulierung eines ganzen Bündels weiterer Fragen.

Copyright © 1999, Dieter Henrich

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