Dieter Henrich: SUBJEKTIVITÄT UND INTERSUBJEKTIVITÄT - (22 Thesen und Begründungsskizzen) 

I. Eine historische Problemkonstellation

1.) Die neuere Philosophie hat mit einer Konzentration ihrer Untersuchungen auf das Wissen begonnen, das wir von uns selbst haben. Von ihm aus ließ sich eine Strategie gegen die frühmoderne Skepsis gewinnen, die wenigstens einen Evidenzpunkt sichert, der von skeptischen Argumenten nicht zu erschüttern ist. Zugleich hatte diese Strategie eine Resonanz diesseits aller Theorie, nämlich in dem Bewußtsein der Subjektstellung von Personen, also im Bewußtsein ihrer Selbständigkeit und Selbstbestimmung, als Grundlage einer modernen Lebens- und Gesellschaftsform.

2.) Es ist leicht zu verstehen, daß von diesem Ausgang her auch die Beziehungen zwischen solchen Subjekten zu einem weiteren Konzentrationspunkt der Aufmerksamkeit werden mußte. Richtigkeit, Wahrheit und praktische Verbindlichkeit waren nämlich nunmehr - statt aus der Übereinstimmung mit ewigen Formverhältnissen - als Übereinstimmung in einem alle Subjekte verbindenden Regelsystem zu definieren, dessen Grund in der Verfassung dieser Subjekte und der ihres Verhältnisses zueinander zu suchen war.

3.) In einem damit wurde auffällig, daß die Intersubjektivität, die im Begriff der Geltung in Anspruch genommen war, ihrerseits der skeptischen Unterminierung ausgesetzt war. Wenn wir von unserem eigenen Dasein mit größerer Sicherheit wissen als von dem der Welt, dann kann auch am Dasein, vor allem aber an der Zugänglichkeit der anderen Subjekte in ihrem Fürsichsein gezweifelt werden. So entstand die Nachfrage nach dem Grund der Gewißheit der epistemischen Präsenz der anderen Subjekte für jedes Subjekt in seinem Wahrheits- und Weltbezug. Friedrich Heinrich Jacobi hat hinsichtlich dieser Gewißheit zeigen wollen, daß sie auf nichts anderes zurückgeführt werden kann, daß sie also unmittelbar und sui generis ist. Angesichts dessen, daß aber zwischen Subjekt, Wahrheit und Intersubjektivität ein Verweisungszusammenhang unterstellt war, konnte die einfache und isolierte Insistenz auf der Ursprünglichkeit der Intersubjektivität nicht genügen. Es mußte zu Versuchen der Herleitung der Intersubjektivität aus der Subjektivität kommen. Ebenso war aber absehbar, daß diesen Herleitungsprogrammen andere Programmen entgegengestellt werden konnten, die umgekehrt die Ursprünglichkeit und allbefassende Selbstgenügsamkeit der Intersubjektivität als Grundlage für die Herleitung der Subjektivität der Subjekte in Ansatz brachten.

4.) Die klassischen Unternehmen zu einer Herleitung der Intersubjektivität (Fichte, Hegel) sind in sich selbst ambivalent geblieben. Am Ende laufen sie immer darauf hinaus, einen überindividuellen Subjektsinn in Ansatz zu bringen, der sich aufgrund seiner eigenen inneren Verfassung pluralisiert. Indem dieser Prozeß begriffen wird, soll zugleich auch die Beziehung zwischen den vielen Subjekten von ihrer Möglichkeit her und in der Vielfalt ihrer Ausprägungen begreifbar werden. Der Grundansatz des Programms ließ es erstmals zu, viele konkrete Gestalten der Verwirklichung von Intersubjektivität in den Bereich der philosophischen Analyse eintreten zu lassen. Aber die Beziehung zwischen dem Für-sich-Sein des Einzelnen und dem Für-einander-Sein vieler Subjekte ist zugleich nicht grundsätzlich aufgeklärt worden.

5.) In den Unternehmen, welche (im Anschluß an Herder) dem umgekehrten Herleitungsrogramm folgten, ist dasselbe Defizit aber zumindest ebenso offensichtlich. Damit, daß die Ursprünglichkeit und generative Kraft der Sprachgemeinschaft und der geschichtlichen Kulturgemeinschaft aufgewiesen wird, die von der Sprache ermöglicht ist, wird nicht verständlich gemacht, wie innerhalb ihrer (und in Wahrheit immer auch konstitutiv für sie) das Für-sich-Sein eines jeden Subjektes ermöglicht ist. So ist uns also von der Zeit an, in der die Subjektivität zum am meisten versprechenden Thema der Philosophie wurde, die Aufgabe überkommen, die Selbstbestimmung ebenso wie die Bedingtheit der je einzelnen Subjektivität und die wesentliche Beziehung aller der Bedingungen, die in sie eingreifen, auf die Subjektivität in der dieser Beziehung eigenen Ursprünglichkeit zu verstehen. In diesem Bedingungsgefüge haben alle Weisen der Verständigung, die Sprach- und Kulturgemeinschaft aber als die bedeutsamsten und differenziertesten unter ihnen, eine prominente Stelle inne.

6.) Die Ideologiekritik des 19. Jahrhunderts hat nun aber Verfahren entwickelt, die geeignet waren, die im Selbstbild von Subjekten verankerte Überzeugung von der Selbstbestimmtheit dieser Subjekte zu dementieren und sogar im wirklichen Lebensvollzug zu unterminieren. Sie wies die Abhängigkeit der Subjekte und ihrer Selbstbilder von sozialen und prärationalen Bedingungen auf und ermöglichte damit sogar den Verdacht, die Voraussetzung der Subjektivität der Subjekte sei selbst nur eine Fiktion (Nietzsche, William James). Die Fortschritte in der Analyse der Grundlagen sprachlicher Bedeutung (Frege) und in der Theorie der Gesellschaft (Durkheim, Weber) konnten dazu angetan scheinen, eine aller Subjektivität vorausgehende Dimension für entdeckt zu halten, die zugleich eine aller Subjektivität vorausgehende Interaktion vergesellschafteter und sprachfähiger Individuen der Art homo sapiens ist.

7.) Wenn man nun zusätzlich auch noch der falschen Annahme folgt, daß die Periode der Moderne, in der die Problemkonstellation zwischen Subjektivität und Intersubjektivität zuerst aufkam, überall von der Voraussetzung ausging, daß die Subjekte in ihrer Subjektivität autonom und somit letzter Grund ihrer eigenen Bestimmtheit seien (Heidegger), dann kann man zu der Folgerung gelangen, im Laufe des ausgeheden 19. Jahrhunderts habe sich ein neues historisches ‘Paradigma’ etabliert. Kraft seiner sei Subjektivität durch Intersubjektivität als Ausgangsdimension der theoretischen Orientierung ersetzt. Grundüberzeugung der Moderne ist allerdings nur die Unhintergehbarkeit der Subjektivität, auch im Sinne ihrer Unverzichtbarkeit für ein menschliches Leben. Daß diese Subjektivität eine selbstgestiftete und -garantierte und in diesem Sinn eine unendliche sei, wurde nur in einigen verwegenen Theorien behauptet. Sie ragen allerdings dadurch hervor, daß sie die Nachfrage nach der Verfassung von Subjektivität und nach ihrem Zusammenhang von Intersubjektivität in einer zuvor nicht erreichten Intensität und Höhenlage vorangetrieben haben. An die Perspektiven, die sie eröffnet haben, ohne für sie eine verläßliche Grundlage gelegt zu haben, kann man deshalb auch heute noch mit Gewinn anschließen.

8.) Aus dieser Übersicht über eine historische Konstellation und ihre Entfaltung geht hervor, daß die Problemlage, in der sich die Philosophie in Beziehung auf das Verhältnis von Subjektivität und Inbtersubjektivität befindet, nicht angemessen zu erfassen ist, wenn man von einem Paradigmenwechsel spricht, über den das ‘Paradigma' Subjektivität, welches das Denken einer vorausgehenden Epoche bestimmt hat, durch das ‘Paradigma’ Intersubjektivität abgelöst worden sein soll. Diese Ausdrucksweise erweckt den Anschein, es sei schon entschieden, daß ein gegenwärtiges Denken der Intersubjektiviträt einen sachlichen und methodischen Vorrang gegenüber der Subjektivität einzuräumen habe. Zwar trifft es zu, daß erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts Zugangsweisen zu der Aufgabe, das Verhältnis von Subjektivität und Intersubjektivität zu bestimmen, aussichtsreich geworden sind, die methodisch bei der Interaktion der Personen einsetzen. Des weiteren ist es auch wahr, daß es unerläßlich geworden ist, bei der Untersuchung philosophischer Probleme auf die sprachlichen Gegebenheiten zu reflektieren, in denen sie artikuliert werden; und Sprache ist eine Grundtatsache der Intersubjektivität. Doch das heißt nicht, daß damit auch schon festgelegt ist, daß die Aufklärung über das Verhältnis von Subjektivität und Intersubjektivität immer davon ausgehen müsse, daß sich die Subjektivität aus Intersubjektivität bildet und herleiten läßt. Denn auch durch die Sprachanalyse selbst kann deutlich werden, inwiefern dem sinnvollen Gebrauch der Sprache noch andere Tatsachen zugrundeliegen, die ihrerseits nicht selbst der Sprache als solcher zugehören.

II. Auswege ohne Lösung

9.) Die Sprachgemeinschaft ist keine selbstgenügsame, sich aus sich selbst allein erklärende Voraussetzung jeglicher Subjektivität. Denn zum einen ist der Sprachgebrauch von der Beherrschung des indexikalischen Ausdrücke abhängig, die um den Gebrauch des Personal- und Possessivpronomens der ersten Person singularis zentriert sind. Es läßt sich zeigen, daß deren Gebrauch ein Wissen des Sprechers der Sprache von sich selbst voraussetzt, das nicht durch die Aufklärung der Semantik der singulären Termini erklärt werden kann. Zum anderen heißt sinnvoll zu sprechen immer, an eine Person eine Mitteilung ergehen zu lassen mit der Intention, etwas zu verstehen zu geben. Auch das setzt das Für-sich-Sein der Sprecher voraus, also dies, daß sie als Subjekte konstituiert sind. Diese Konstitution setzt wohl ihrerseits voraus, daß die Subjekte ihm Prozeß ihrer Genese von anderen angesprochen werden. Aber das Aufkommen ihres Für-sich-seins ist nicht aus ihrem Erlernen der Sprache heraus ermöglicht - Aus all dem folgt nun allerdings nicht etwa, daß das Sprachsystem seinerseits vom Für-sich-Sein der Subjekte her zu entwickeln wäre. Es ist ein komplexes, zum Teil spontan generiertes, zum Teil kollektiv ertelltes Medium zur Feindiskrimination von Gedanken in der Verständigung. Somit ist es immer bezogen auf die Subjektivität der Subjekte, setzt aber in einem damit deren Eingebundensein in Intersubjektivität voraus.

10.) Wittgenstein wollte die außerorentliche Differenziertheit jenes Mediums zum Bewußtsein und in Übersicht bringen und setzte darauf, daß in einem damit alle Probleme zum Verschwinden kämen, die mit den Kunstworten Subjektivität und Interubjektivität aufgeworfen sind. Die Frage, was es heißt, eine Sprache zu sprechen, wird deshalb von ihm gar nicht erst gestelllt. Sie muß aber von der Aufgabe der Feindiskrimination aller Tätigkeiten unterschieden werden, die durch sprachliche Äußerungen zu vollziehen sind. Daraus folgt, daß die Systematisierung von Sprechakten und überhaupt alle Pragmatik keine grundlegende Aufklärung über das zu geben vermag, was Sprache ausmacht, so daß also diese Untersuchungsart auch das Verhältnis von Subjektivität und Intersubjektivität nicht grundsätzlich zu klären oder zugunsten eines Vorrangs der Intersubjektivität zu entscheiden vermag.

11.) Die Erklärungsschwäche der Pragmatik in Beziehung auf Grundfragen erweist sich auch an dem von ihr nahegelegten Versuch, dem cartesianischen Cogito-Argument eine pragmatische Fassung zu geben und es so in einer intersubjektiven Dimension zu fundieren. Zwar ist es wirklich sinnlos und ein pragmatischer Widerspruch, den Satz ‘ich existiere nicht’ zu äußern. Aber solcher Fälle pragmatischen Widersinns gibt es viele (zum Beispiel im Falle des ausgesprochenen Satzes ‘ich kann kein Wort deutsch sprechen’). Sie sind nicht geeignet, den Vergewisserungssinn des Cogito-Argumentes zu ersetzen. Man sieht das daran, daß der Satz ‘ich existiere nicht’ nur unter der Voraussetzung der Richtigkeit des Satzes ‘ich spreche jetzt’ einen pragmatischen Widersinn ergibt. Aber dieser zweite Satz ist nicht irrtumsimmun. (Eine Person, die ihr Sprachvermögen verloren hat, kann ihre eigene Stimme vom Tonband vernehmen, die diesen Satz spricht, und glauben, sie habe gerade eben selbst gesprochen).

12.) Die Weise, in der für jedes Subjekt andere Subjekte als solche gegenwärtig und in ihrem Selbstverhältnis verständlich sind, ist bisher nur vorausgesetzt, nicht selbst auch verständlich gemacht. Nun ist das Für-einander der Subjekte für deren Leben unerläßlich und von höchster Lebensbedeutung. So scheint es also einen guten Grund dafür zu geben, den Ursprung dieser Beziehung so verstehen zu können, daß die Gemeinschaft von Subjekten nicht deren Selbstverhältnis untergeordnet wird und daß die sich nicht als im Vergleich zu ihm als sekundär, als nur indirekt und als von Gewißheitsmängeln überschattet darstellt. In Verbindung mit der Meinung, man müsse Subjektivität auf eine ihr vorausgehende Dimension zurückführen, kann das zu den Versuchen (von M. Buber und von E.Levinas) führen, sogar die Gegenwart des Anderen der Konstitution von Subjektivität nunmehr vorausgehen zu lassen. Dagegen steht aber die unausweichliche Evidenz dessen, daß vom seinem Anderen nur betroffen sein kann, wer bereits in das Für-sich-selbst-sein, in welcher Weise auch immer, gelangt oder eingesetzt ist. Auch an diesem Beispiel zeigt sich, daß Umkehrungsstrategien ganz grundsätzlich ungeeignet sind zum Gewinn eines angemessenen Zugangs zu der durch die durch die Worte Subjektivität und Intersubjektivität angezeigten Problemkonstellation. Statt dessen muß eine Vermittlungsstrategie gewonnen werden, die aber nur dann theoretisches Gewicht hat, wenn sie sich an einem Prinzipmzu orientieren vermag.

13.) Das könnte eine Bestätigung für die Tendenz sein, Subjektivität und Intersubjektivität nunmehr gleichermaßen zu hintergehen und mit den sogenannten ‘postmodernen’ Denkern einen ihnen beiden vorausgehenden anonymen Prozess in Ansatz zu bringen. In ihm tauchen Episoden von irgendwelcher Verfassung auf, überlagern und trennen sich und verschwinden wieder. Als eine Strategie, welche die Philosophie und überhaupt zu einem Abschluß kommende Weltbeziehung herausfordert, hat man sich auf solches Denken wohl kritisch einzulassen. Als Ratschlag für die Lebensorientierung soll aus ihm aber folgen, daß man sich in diese Episoden eingliedern und sie ebenso leicht hinter sich lassen möge, um so die Vielfalt und die Kreativität des Lebens zu erfahren und zu genießen. Doch diese Attitüde, spielerisch sowohl jede in Subjektivität wie jede in Intersubjektivität begründete Bemühung um Identität von sich abzuschütteln, ist ein jugend- und wohlstandsspezifischer und zugleich untauglicher Versuch, sich von der in der Verfassung des bewußten Lebens begründeten Problemkonstellation und Verstehensaufgabe auf gefällige Weise zu entlasten.

III. Minima einer Grundrientierung

14.) Kein Versuch zur reduktiven Auflösung des der Problemkonstellation kann also überzeugen. Als Alternative bleibt dann aber nur ein Verfahren, das damit beginnt, einen Komplex von gleich ursprünglichen Momenten in Ansatz zu bringen. Die Aufgabe der philosophischen Untersuchung geht unter dieser Voraussetzung darauf, die Verfugungen dieser Momente miteinander und ihre jeweiligen Funktionen innerhalb des Komplexes, somit auch eine Art von Rangordnung unter ihnen aufzuklären. Ein ähnliches Verfahren ist schon in Platons Ideenlehre vorgebildet. In Kants Deduktionsprogramm ist es, nunmehr bezogen auf Subjektivität, erneuert worden. Innerhalb dieses Programms kann es zu verschiedenen Auffassungen von der Positionierung von Subjektivität und von Intersubjektivität kommen. Denn auch in einem Komplex gleichursprünglicher Momente können einige Momente oder eines der Momente eine dominierende, andere eine untergeordnete Bedeutung haben. So hat Platon der Idee des Einen, Kant der transzendentalen Apperzeption eine dominierende Bedeutung zugeschrieben, in Beziehung auf die dann der Gesamtaufbau des Komplexes auch verstanden werden kann.

15.) Ein Versuch, in einem solchen Rahmen Intersubjektivität gegenüber Subjektivität zu privilegieren, ist von Peter Strawson unternommen worden: Nach ihm ist Subjektivität in unsere sprachlich organisierte Weltbeziehung insoweit einbegriffen, als mit ihr mentale Prozesse gemeint sind, die einer Person zuzusprechen sind, die kraft ihres Körpers in Raum und Zeit eine Position einnimmt. Dieser Begriff der Person muß zunächst in unserem jeweiligen Sprachsystem beherrscht sein, ehe Subjektivität zugeschrieben werden kann. Dagegen ist aber einzuwenden, daß als Person nur der anzusehen ist, der in einer wissenden Beziehung zu sich selbst steht. Von ihr aber kann ich nur aus meiner eigenen Selbstbeschreibung als Person etwas wissen. Ich kann nicht daraus, daß der Personbegriff in meiner Sprache irreduzibel und primitiv ist, folgern, daß ich eine Person bin.

16.) Donald Davison teilt mit Strawson die These, daß alle Gedanken in sprachlicher Kommunikation fundiert sind, und zwar deshalb, weil der Wahrheitsbezug, durch den Gedanken definiert sind, nur in einer Kommunikation zwischen zwei Sprechern in einer gemeinsamen Beziehung auf ein Datum in der öffentlichen Welt verständlich ist. Anders als Strawson zeigt er aber, daß in dieser Dreiecksbeziehung zwischen den beiden Sprechern und dem Datum in der Welt auch drei Weisen des Wissens in Anspruch genommen sind, von denen keine auf die andere zurückgeführt werden kann: Weltwissen, Wissen von der Meinung eines anderen und Wissen von uns selbst. Damit ist eine Voraussetzung dafür eingeräumt, einerseits die relative Bedeutung der drei Wissensweisen und andererseits deren jeweilige Formation zum Thema zu machen. Nun hat Davidson dem Wissen von uns selbst eine immer größere Bedeutung zugestanden, so auch die Bedeutung, daß wir alle Standarts der Korrektheit, in Beziehung auf was auch immer, aus uns selbst zu entnehmen haben und daß wir insofern autonome Personen sind. Aber die Ausbildung dieser Standarts ist doch nur innerhalb der Ausbildung von Kommunikation möglich geworden.Im übrigen ist Davidsons Nachfrage nach dem Wissen von uns selbst ganz auf die Frage nach der Rolle dieses Wissens in der Kommunikation eingeschränkt. Zwar bestreitet er, daß wir von uns selbst nur im Ausgang von unserem Wissen von anderen etwas wissen können. Alle drei Wissensweisen sind ursprünglich und gleichermaßen gegen jede Reduktion widerständig. Aber die Frage nach der inneren Verfassung des Wissens, das wir von uns selbst haben, gehört für Davidson nicht zu den Fragen, die eine an der Semantik, also an Bedeutung und Wahrheit orientierte Philosophie, in Angriff nehmen kann und also auch nicht aufwerfen sollte. Das schließt aber nicht aus, daß Davidsons Position für den, der sich auf andere Weise als er auf Subjektivität als Problem konzentriert ist, in vielerlei Weise anschlußfähig ist.

17.) Ich selbst versuche zu zeigen, daß man an Subjektivität als einem privilegierten Prinzip für philosophisches Verstehen festhalten kann und warum man daran festhalten sollte. Eine Voraussetzung dafür ist allerdings, daß die wissende Selbstbeziehung der Subjekte nicht als in sich selbstgenugsam und nicht als realer Grund der anderen Momente in dem Komplex angesehen wird, in dem diese wissende Selbstbeziehung eine Schlüsselrolle innehat.

18.) Es läßt sich zeigen, daß sich die wissenden Selbstbeziehung einer vollständigen philosophischen Analyse entzieht. Man ist also auf eine approximative Analyse unter Voraussetzung dessen eingeschränkt, daß schon verstanden ist, was diese wissende Selbstbeziehung aumacht. Darin ist sie dem Wahrheitsbegriff vergleichbar. Von ihm unterschieden ist sie aber darin, daß die wissende Selbstbeziehung nicht als ‘bloßer’ Gedanke, auch nicht als Grundgedanke oder Gedankenstandart, sondern als immer zugleich im jeweils eigenen Falle als Wirkliches instantiiert verstanden werden muß. Des weiteren ist für jedem Fall von wissender Selbstbeziehung zweierlei aufzuweisen: Daß in ihr eine Beziehung auf einen ihr selbst unverfügbaren Grund ihres Eintretens und Bestehens vorausgesetzt ist und daß sie die Selbstbeziehung eines Subjektes (somit eines unter anderen, unbestimmt welchen, ist). In der Aufnahme und der weiteren Entfaltung von jedem dieser beiden Momente läßt sich im Anschluß an Subjektivität eine jeweils ganz andere Dimension von Intersubjektivität erschließen.

19.) In Folge des ersten Momentes muß gesagt werden, daß es kein in sich allgemeines Für-sich-Sein geben kann, das als wissende Selbstbeziehung gelten könnte. Jedes solche Für-sich-Sein ist als ein Für-mich-Sein spezifiziert. Darin liegt, daß dies Für-sich-Sein auf die Möglichkeit anderer, ihm strukturell genau entsprechender Fälle von Für-sich-Sein bezogen ist, und weiter, daß es irgendeine Ordnung geben muß, in der die Fälle als je einzelne voneinander unterschieden und in der sie in einer Beziehung zueinander stehen (W.Cramer). Von da aus lassen sich viele weitere Bedingungen einführen, die erfüllt sein müssen, damit es zu einer wirklichen Beziehung von Subjekten innerhalb dieser Ordnung kommen kann. Dazu gehört die Verkörperung der Subjekte und die spontane Ausbildung von Medien, vor allem der Sprache, in denen sie sich zu dem Für-sich-Sein des Anderen als solchem verhalten können, ohne es in das eigene Für-sich-Sein hineinzuziehen, schließlich auch die Existenz einer Kultur. Wesen, die in ihre Subjektivität hineinwachsen und sich zu Subjekten bilden, müssen von anderen Subjekten in diese Ordnung der Kommunikation geleitet werden können. Alle diese weiteren Bedingungen lassen sich ganz offensichtlich nicht aus der Verfassung des Für-sich-Seins herleiten, sind also nicht deren reale Folgen. Sie sind selbständige Bedingungen, von denen dennoch gezeigt werden kann, daß in der wissenden Selbstbeziehung immer schon auf sie vorausgesehen werden kann, so daß sie in diesem Sinne ihr ursprünglich zugehören und zueigen sind. Die gesamte Untersuchung dieses Bedingungsgefüges folgt dem Methodenbegriff einer transzendentalen Analyse in dem besonderen, soeben erklärten Sinn.

20.) Subjekte sind nicht nur unreduzierbar, sondern in ihrem Selbstverhältnis auch undurchdringlich. Würde ein Subjekt am Selbstverhältnis des anderen teilnehmen, so hätte es sich das andere Subjekt selbst anverwandelt. Die Grundlage für Intersubjektivität wäre somit verschwunden. Verständigung zwischen Subjekten setzt also die Fähigkeit voraus, sich die Subjektivität anderer vergegenwärtigen zu können, ohne in sie (auch nicht in der Imagination) einzutreten. Ich neige dazu, dafür eine Möglichkeit zu postulieren, die auf kein anderes bereits etabliertes Modell abgebildet werden kann (weder unmittelbare Gegenwart noch Analogieschluß noch Voraussetzung einer theoretischen Entität). Das muß aber nicht als Theorieverzicht an einer Stelle angesehen werden, an der auf theoriefähige Erkenntnis alles ankäme. Denn es ist vorab schon gezeigt worden, daß selbst die Grundtatsache unseres bewußten Lebens, unsere wissende Selbstbeziehung, gegen eine vollständige Analyse resistent ist. Zwischen der Irreduzibilität und Analyseresistenz zweier solcher Tatsachen besteht insofern ein Zusammenhang, der die innere Konsistenz der Zugangsweise zu diesen Tatsachen bestätigt.

21.) Unter 18. wurden zwei Momente unterschieden, welche die Untersuchung der wissenden Selbstbeziehung heraushebt und an die sich dann jeweils eine Kette weiterer Folgerungen anschließen läßt, die Intersubjektivität betreffen. Unter 19. ist eine solche Kette angezeigt worden, die sich in einem Verfahren der transzendentale Analyse ausbildet. Ganz andere Folgerungen ergeben sich dann, wenn davon ausgegangen wird, daß die wissende Selbstbeziehung sich selbst einen Grund vorausdenken muß, aus dem sich ihr Für-sich-Sein ausbildet. Insofern kraft dieses Grundes überhaupt Für-sich-Sein besteht, kann er weiter auch so gedacht und erfahren werden, daß die wissende Selbstbeziehung aus dieser durchgängig fortwirkenden Begründung in ihrem Stand sich erhält oder in die Kraft ihrer Selbsterhaltung und Selbstbildung eingesetzt ist. Dies Bewußtsein und die in ihm verwurzelte Erfahrungsart sind zwar zunächst nichts anderes als Modifikationen des solitären Selbstseins. Doch ist in ihm auch eine Bedingung dafür gegeben, daß sich die Bedeutung von Intersubjektivität in der Erfahrung der Subjekte verwandelt. Im Bewußtsein, gerade in der eigenen Subjektivität aus einem unverfügbaren Grund hervorzugehen, wissen sich Subjekte gerade in dem, wodurch sie selbstbestimmt und selbst auch Grund zu Folgerungen sind, wie sie unter 19. skizziert wurden, doch selbst auch noch als Folge eines ihnen vorausgehenden Anderen. Dies Andere mag zwar eine anonyme Macht sein, die jedes vereinzelte Subjekte auf seinen Lebensgang treibt, der ihm trotz aller Leitung und Bergung auf seinem Weg in die Kultur der Verständigung wie ein Verhängnis erscheint. Aber es ist auch möglich, denselben Grund im eigenen Leben und im Leben der anderen Subjekte gleichermaßen, und zwar derart als wirkend zu erfahren, daß seine Vorgängigkeit gegenüber aller Subjektivität nunmehr auch die Subjekte in die Möglichkeit einer Beziehung zueinander versetzt, in der sie jeweils füreinander   vorgängig, also nicht mehr eine Implikation der Möglichkeit von Subjektivität, sondern eine wechselseitige Voraussetzung der Möglichkeit ihres erfüllten Selbstseins sind.

22.) So läßt sich also an jedes der beiden, in ihrem Status ganz verschiedene Momente, die in der wissenden Selbstbeziehung aufgewiesen werden können, jeweils eine Kette von Folgerungen anschließen, die zur Intersubjektivität führen. Die Folgerungen können sich in ihrer Sache berühren. So kann zum Beispiel in Absicht auf eine differenzierte Phänomenerschließung von Gestalten der Intersubjektivität die Kulturbedingung für die Genese von Subjektivität, die in dem ersten Folgerungsgang erreicht wurde, mit dem zusammengeführt und zusammengedacht werden, was Intersubjektivität als die Intimität wechselseitiger Ermöglichung von eigentlichem Selbstsein gemäß dem zweiten Folgerungsgang ausmacht. Aber in den weiten Bereich dessen, was über solche Differenzierung in den Blick zu bringen wäre, darf hier gar nicht eingetreten werden. Dagegen sollte eine grundsätzliche, auch methodische Bedeutung hervorgehoben werden, die dem Ansatz für die Erschließung des Verhältnisses von Subjektivität und Intersubjektivität zukommen könnte, der hier genommen wurde: Es gibt keine Intersubjektivität, in die nicht Subjektivität einbegriffen wäre. Das gilt ebenso für die erste Genese von Intersubjektivität wie für die Verwirklichung eigentlichen und erfüllenden Selbstseins in Freundschaft und in Liebe. Um das Zusammen des Für-sich-Seins mit dem durch den Anderen ermöglichten Selbstsein verstehen zu können, ist es auch nicht nötig, ein transzendentales Begründungverfahren, das die Implikationen des Für-sich-Seins hinsichtlich von Intersubjektivität erkundet, mit M. Theunissen einer ganz anders verfaßten Zugangsweise entgegenzustellen, die, was ‘zwischen’ den Subjekten und als ihnen vorgängig waltet, einer ganz anderen Denkart überantwortet und womöglich aus dem Bereich dessen überhaupt ausschließt, wozu die Philosophie einen Zugang zu erschließen vermag. Aber es ist doch wahr, daß die Klärung der Beziehungen zwischen Subjektivität und Intersubjektivität, die von der Subjektivität ihren Ausgang nimmt, durchaus nicht alle Fragen beantworten kann, die sich uns im Anschluß an den Grund, der in der Verfassung der Subjektivität vorausgesetzt ist, und an die Weise, wie er sich im Selbstsein und im Mit- und Füreinandersein der Subjekte geltend macht, notwendig noch stellen müssen. Gedanken, die hinsichtlich der Verfassung jenes Grundes und der von ihm ausgehenden Dynamik erschließungkräftig sind, können nur aus einer Denkweise hervorgehen, die zwar das aufnimmt, was die Aufklärung der Implikationen von Subjektivität ergab, die aber mit dieser Aufklärungsart nicht identisch ist. Der Diszioplinname 'Metaphysik' war für diese Denkweise über lange Zeit in Kraft, har aber seit langem aus gutem Grund die Kraft verloren, das, was ihr eigentümlich ist, zum Ausdruck zu bringen.

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Camillo Schrimpf  Home . . . Last update 2006, May 20 . . .