Wie der Philosoph Hoenigswald 1939 Deutschland verlassen musste.

Lange wartete er bis zur Auswanderung. Als der 64jährige Richard Hoenigswald Ende März 1939 mit seiner Frau Hilde und seiner vierjahrigen Tochter in der Schweiz eintraf, endete eine Zeit des Leidens, die mit seiner Zwangspensionierung im August 1933 begonnen hatte. Hoenigswald war am Ende der Republik in Deutschland ein bekannter Philosoph gewesen und hatte seit dem Sommersemester 1930 den angesehenen Lehrstuhl für Philosophie in Muenchen innegehabt. Zu Hunderten stromten damals die Studenten in seine Vorlesungen. Und wen er im Horsaal nicht erreichte, für den schrieb er Essays in Zeitungen wie den Munchner Neuesten Nachrichten.

Doch nur drei Jahre war es ihm gegonnt, an der Isar dem kantischen Ideal zu folgen und von der Philosophie den Schul- wie den Weltbegriff zu geben. Richard Hoenigswald war Jude, und als im April 1933 das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums erlassen wurde, verlor er sein Amt. Das Gesetz mit dem harmlosen Namen war auch geschaffen worden, um politisch Unliebsame aus dem Staatsdienst zu drangen. Vor allem aber definierte es, wer als arisch oder nicht arisch zu gelten hatte: Beamte, die nicht arischer Abstammung sind, sind in den Ruhestand zu versetzen. Der Arierparagraph war der erste Schritt zur Entrechtung der deutschen Juden und der Widerruf ihrer Emanzipation von 1871.

Honigswald versuchte nun, sich als Privatgelehrter durchzuschlagen. Seine Wohnung in der Kaulbachstrasse 11 a wurde ihm genommen. Doch stoisch und diszipliniert schrieb er weiter seine Bucher, etwa Philosophie und Sprache [ . . . ] schien ihm wenig anzuhaben. Das Denken war wichtig, nicht der Denker. Trotz aller Widrigkeiten fuhlte Honigswald sich aufgehoben in einer unabschliessbaren philosophia perennis, die keine Helden, sondern nur ewige Aufgaben kennt. Darin vergrub er sich, wahrend der Rassenstaat ihm Stuck für Stuck seiner Lebensgrundlage zerschlug. Erst wurde ihm die Pension gekurzt, dann musste er von dem angeblich zuviel empfangenen Ruhegeld einen Großteil zurückzahlen. Doch einige Kollegen hielten zu ihm, so der Kollege Kurt Huber, der später hingerichtete Widerstandskämpfer der Weißen Rose, oder der Romanist Karl Vossler, der sich als Rektor 1933 erfolglos gegen Honigswalds Ausgrenzung gestemmt hatte.

Heideggers Gutachten.

In der Kristallnacht 1938, nicht lange, nachdem ihm der Doktorgrad aberkannt worden war, wurde Honigswald ins KZ Dachau verschleppt. Drei Wochen musste er dort verbringen. Dabei wurde ihm bewusst, dass er emigrieren musse, zumal Deutschlands Wiedereingliederung in die Zivilisation, wie er in den Germanica des Exils notierte, so schnell nicht zu erwarten war. Nach einem Aufenthalt in der Schweiz ging er nach Amerika.

Noch 1933 war die bayerische Kultusburokratie, als sie Honigswald loswerden wollte, auf Widerstand gestossen. Die philosophische Fakultat, ein Teil der Studierenden, sowie etliche Gelehrte protestierten. Zwolf von ihnen setzen ihren Namen unter eine von dem Greifswalder Theologen Rudolf Hermann verfasste Erklarung, in der Honigswalds vaterländische Gesinnung sowie sein unanfechtbares Wesen beschworen werden.

Der Minister holte Gutachten ein, um einen Anschein von Gerechtigkeit zu wahren. Das wichtigste kam vom Rektor der ersten deutschen Fuehreruniversitaet in Freiburg, Martin Heidegger: Hönigswald kommt aus der Schule des Neukantianismus, der eine Philosophie vertreten hat, die dem Liberalismus auf den Leib zugeschnitten ist. Das Wesen des Menschen wurde da aufgelost in ein freischwebendes Bewusstsein uberhaupt und dies verdunnt zu einer allgemein logischen Weltvernunft. Auf diesem Weg wurde unter scheinbar streng wissenschaftlicher Begrundung der Blick abgelenkt vom Menschen in seiner geschichtlichen Verwurzelung und in seiner volkhaften Uberlieferung seiner Herkunft aus Blut und Boden. Damit zusammen ging eine bewusste Zurückdrangung jedes metaphysischen Fragens, und der Mensch galt nur noch als Diener einer indifferenten allgemeinen Weltkultur. Es kommt aber hinzu, dass gerade Honigswald die Gedanken des Neukantianismus . . . [ . . . ] . . . Fortschritt, seinem Glauben an die zivilisierende Kraft der Kultur sollte geschwacht werden.

Hönigswald betrieb Philosophie als Wissenschaft nach rationaler Methode. Vorrang hatte bei ihm die kritische Prufung aller Bedingungen der Erkenntnis. Bitter blickte er im Exil zurück auf descartes- und kantfeindliche Denkmodelle der Intuition, die in den zwanziger Jahren die Philosophie des Nationalsozialismus vorbereitet habe. Den Kathederstar Heidegger zahlte Hönigswald schon bei seinem Aufstieg zu denen, die unbegruendet denken.

Doch Heidegger hatte gesiegt, und mit ihm der Irrationalismus. Für Honigswald war dieser Irrationalismus ein Produkt der verhangnisvollen Unausgeglichenheit der Deutschen, ihres Schwankens zwischen selbstlosem Streben nach sittlich-rechtlicher Kultur und blinder Unterwerfung unter die Herrschaft eben gangbarer Phrasen.

Heidegger beherrschte noch nach dem Krieg mit seinem entnazifizierten Denken die philosophische Szene. Und er stand kurz vor dem Weltruhm, als 1956 mit der Gründung des Hoenigswald-Archivs (heute an der Uni Aachen) erstmals so etwas wie Wiedergutmachung versucht wurde und Band für Band die Schriften aus dem Nachlass erschienen. Der Philosoph war am 11. Juli 1947 in New Haven gestorben. Kaum ein Jahr zuvor hatte die Universität Muenchen ihn zu einem Gastvortrag eingeladen. Bei seinem Besuch wollte man ihn fragen, ob er nicht heimkehren wolle. Aber er wollte nicht, auch nicht als Gast. Er schrieb an Vossler, dass es dafur wohl noch etwas zu fruh sei.

Kurt Oesterle in der Sueddeutschen Zeitung Nr. 75 (Maerz 1999) Seite 19

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