Grundlegung aus dem Ich. Rezension eines neuen Buches von Dieter Henrich durch Thomas Meyer, 26/2004 -

 

Frei nach Kant. - Der Philosoph Dieter Henrich hat in einer monumentalen Studie die Denkprozesse untersucht, die zum deutschen Idealismus führen.

 

Seit es die Philosophie gibt, ist ihr die eigene Geschichte ein Problem. Bereits in den Fragmenten der Vorsokratiker finden sich diverse Konzepte, die einen Umgang mit der Vergangenheit der Philosophie durchbuchstabieren. Offensichtlich war die Aneignung früherer Positionen zu keinem Zeitpunkt in der europäischen Geistesgeschichte selbstverständlich. Das aus Verlegenheit geprägte Wortmonstrum Philosophiegeschichtsphilosophie zeigt an, dass das Spiel zwischen Weisheitssuche und ihren Geschichten kein Ende findet. Die Antworten auf die Frage: "Wie hältst du s mit der Philosophiegeschichte ?" haben immerhin neue Forschungsrichtungen begründet: Diskursanalyse, Ideen- oder Problemgeschichte stehen nicht mehr mit ihren Ursprüngen in Verbindung und helfen stattdessen anderen Disziplinen dabei, Selbstaufklärung zu betreiben.

 

Seit Mitte der sechziger Jahre hat der Münchner Emeritus Dieter Henrich zwei Projekte verfolgt, die in einem neuartigen Verständnis von Philosophie und ihrer Geschichte münden sollten. Dazu widmete er sich auf der einen Seite in zahlreichen Studien der Denkentwicklung von Kant über Fichte, Schelling, Hölderlin bis hin zu Hegel. Im Mittelpunkt dieser Studien standen die Übergänge zwischen den Denkern in sachlicher, der Weg von Kant zu den deutschen Idealisten in historischer Absicht. Henrich sah in der Epoche von Kant bis Hegel die zweite bedeutsame Philosophenkonstellation nach Platons und Aristoteles Wirken. Die in einer Art Dialektik miteinander verbundenen Elemente Philosophie und ihre Geschichte hat Henrich mit einer Ehrfurcht gebietenden Akribie untersucht, nicht unerhebliche Selbstrevisionen, etwa in der Analyse von Hegels Logik eingeschlossen.

 

Parallel dazu entwarf er mit Hilfe der vorgenommenen Rekonstruktion eine Philosophie, die unter dem Titel Bewusstes Leben firmierte. Die Geschichte der Philosophie könne nur in den Blick kommen, wenn man mit einem eigenen Ansatz an sie herantrete, und das bewusste Leben lasse sich nur denken, wenn man die Fehler der Vergangenheit vermeide. Den Zielpunkt der beiden Denkbewegungen Henrichs hat der Berliner Philosoph Michael Theunissen präzise einen umfassenden Versuch zur Prozessualisierung der Subjektivität genannt.

 

Die jetzt vorgelegten 1.740 Seiten bilden den Abschluss des historischen Teils von Henrichs Unternehmen. Die Grundlegung aus dem Ich unternimmt die herkulische Aufgabe, die Dynamik von Denkprozessen zu rekonstruieren, wie sie im Anschluss an Kants Kritiken entstand. Im Zentrum steht ein gewisser Immanuel Carl Diez (1766 bis 1796), der die Tübinger Stiftler Hegel, Hölderlin und Schelling auf die Gleise zum deutschen Idealismus gesetzt haben soll. Diez ist seit vielen Jahren in der Forschung kein Unbekannter mehr. Henrich selbst verwendete 32 Jahre darauf, die Briefe, die zwei Fassungen eines Textes über die Möglichkeit einer Offenbarung, ein längeres Protestschreiben und einen knappen Essay über das 24. Kapitel des Matthäus-Evangeliums zu edieren. Bücher von Diez hingegen, der selbst Stiftler war, dann von 1790 bis 1792 dort Repetent, gibt es keine.

 

Aber er, der in diesen Jahren von verschiedenen Glaubenskrisen heimgesucht wird, korrespondiert intensiv mit anderen Wasserträgern der kantischen Philosophie: Friedrich Immanuel Niethammer (1766 bis 1848), Friedrich Gottlieb Süßkind (1767 bis 1829) und Johann Benjamin Erhard (1766 bis 1827) halten den kantischen Geist wach und formulieren gleichzeitig die ersten Schritte zu seiner Überwindung. Dieses philosophische Quartett stellt, bei teilweise gegenläufigen Interessenlagen, zunächst die Defizite der Kant-Rezeption heraus, so bei dem in Jena lehrenden Karl Leonhard Reinhold. Nach und nach rücken Ästhetik und Theologie in den Mittelpunkt der Debatte, bis schließlich die Frage nach der Grundlegung von Philosophie überhaupt thematisiert wird. Natürlich bezieht Henrich Jacobi, Fichte und Schelling intensiv in seine Überlegungen mit ein.

Wie folgenreich die ja von den Genannten noch gar nicht ausgearbeitete Infragestellung von Kants Philosophie und deren Fortschreibung ist, ergründet Henrich folglich aus knappem Quellenmaterial mittels ingeniöser Analysen. Die teilweise problematische Kleinteiligkeit des Argumentationsganges ist jedoch dem Sujet geschuldet. Denn der Historiker hat es mit dem Stift, den Philosophen in Jena, Göttingen und Frankfurt, folglich mit einem hochkomplexen Kommunikationssystem zu tun.

Überall finden sich genaue Leser, die ihre Lektüren in lange Briefe und Abhandlungen umzusetzen wissen. Dieser Zusammenhang, von Henrich als Konstellation bezeichnet, verlangt eine mikroskopische Ausdeutung. Um nur ein Beispiel zu nennen: Es ist Schelling, der in seinen sehr frühen Schriften Ueber die Möglichkeit einer Form der Philosophie überhaupt (1794) und Vom Ich als Princip der Philosophie oder über das Unbedingte im menschlichen Wissen (1795) sich ebenfalls gegen Reinhold wendet und somit Kants Philosophie eigenwillig transformiert.

Henrich korrigiert mit seinem Monumentalwerk die bislang gepflegte Einschätzung, Schelling trete in seinen Erstlingswerken als Kommentator von Fichtes Wissenschaftslehre auf. Jetzt muss es wohl heißen, dass Schelling in Diez Spuren getreten ist. Der Konstellationsforschung gelingt es hier, minimale Verschiebungen in Argumentationsabläufen als epochale Umbrüche darzustellen.

Gleichwohl kann man sich mit guten Gründen über Henrichs Detailversessenheit wundern, zumal sie mit einer unglaublichen Fülle schwer einschätzbarer Reflexionen den Leser regelrecht erschlägt. Zu dem Eindruck trägt auch eine Stilmischung aus Prätention und Spröde bei, das nur schwer erträglich. Allerdings kann man dem Unternehmen den höchsten Respekt insgesamt nicht versagen. Es liegt ein äußerst ambitionierter Versuch vor, abseits der Heerstraßen des Weltgeistes jene Kärrnerarbeit zu dokumentieren, die vermutlich den Anstoß zu den großen Systementwürfen gab.

Henrich ist sicherlich nicht der Erste, der auf den Spuren der deutschen Idealisten Aufschluss über Philosophie selbst erhofft. Doch so extrem unterschiedliche Untersuchungen wie die von Richard Kroner (1921/24), Panajotis Kondylis (1979) oder das große zweibändige Werk De Kant a Schelling von Miklos Vetö (1998/2000) trotzten dem Thema nicht ständig weltgeschichtliche Bedeutung plus eine eigene Philosophie ab.

Weil Henrich auch in diesem Buch mehr möchte, ist grundsätzliche Kritik angebracht. Sie hat sich nicht so sehr an der gigantischen, mehrere tausend Seiten umfassenden Gesamtkonstruktion auszurichten. Einspruch ist zu erheben gegen die Art, mit der Henrich seine Begeisterung für die Konstellation in einen Welterklärungsanspruch übergehen lässt. Der auch bei Henrich in keiner Weise gebändigte Doppelcharakter der Philosophie von historischer Analyse und systematischem Verstehenwollen des Gedachten wird von ihm zugunsten einer Philosophie aufgelöst, die keinen Standpunkt angeben kann, von dem aus sie sich vom bearbeiteten Material abhebt. Damit aber scheitert sein Versuch, alles aus einem Zielpunkt erklären zu wollen. Nochmals mit Theunissen gesprochen: Die Prozessualisierung der Subjektivität wird zur problematischen Metaphysik.

Der Philosoph Kurt Flasch hat im vergangenen Jahr unter dem Titel Philosophie hat Geschichte (Klostermann) einen völlig anders gearteten Umgang mit der Philosophiegeschichte empfohlen. Sein Gestus der Bescheidenheit entlang der Quellen hätte Henrich sicherlich nicht geschadet. Doch Flaschs Ideen kamen für ihn vierzig Jahre zu spät.

Dieter Henrich: Grundlegung aus dem Ich. Untersuchungen zur Vorgeschichte des Idealismus, Tübingen-Jena, 1790-1794. Frankfurt am Main (Suhrkamp Verlag) 2004 - 2 Bände mit zusammen 1.740 Seiten für € 56,-- (Leinen: € 85)

Copy-Right 2004, Thomas Meyer

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