Dieter Henrich: DIE KUNST IN DER ZEIT -- VIERTE GEORG-SIMMEL-VORLESUNG an der Humboldt-Universität Berlin, 24. Juni 1998

In der zweiten Vorlesung wurde der FORMsinn, der die ästhetische Betrachtung von dem her, worin sie sich konzentriert, näher bestimmt. Er läßt sich nicht aus der Verteilung von Elementen nach irgendeinem Ordnungsprinzip verstehen. Die Elemente stehen in einer dynamischen Beziehung zueinander: Stehen nicht in einer Einheit, sondern widersetzen sich oder spielen zusammen, vergrößeren den Zuordnungsaufwand, vergrößern so aber auch das Einheitsgelingen. Das alles muß in einer geübten Wahrnehmung einsichtig sein und ist die Voraussetzung dafür, daß sich mit dem Wahrgenommenen Ausdrucksqualitäten verbinden. (Sie könnten es nicht, wenn das, was den ästhetischen Gehalt ausmacht, nicht instantan einsichtig wäre.)

Es wurde deutlich, daß die dynamische Zuordnungsart der Elemente im Ursprung der ästhetischen Situation aus einem besonderen Akt-Vollzug der Subjektivität ihre Erklärung finden muß. In einer Aktivität, die in der Beziehung zur in der Wahrnehmung eröffneten Welt mit dem aufmerksamen notierenden Durchlauf durch ihre Umgebungen nicht fortfährt, sich stattdessen in eine Wahrnehmung oder einen isolierten Wahrnehmungsverlauf bewegt konzentriert und so in eine Distanz sowohl zur Welt wie auch zu sich selbst gelangt - so wie sie eben der Betrachtung eigentümlich ist.

Die Kunstproduktion nimmt das in solchem Gewahren sich vollziehende Geschehen auf und schließt sich an es und an den von ihm in Beziehung auf die Welt eingerichteten ästhetischen 'Rahmen' an, und sie erfüllt ihn auf ihre eigene Weise: Einerseits durch Steigerung und Variation der ästhetischen Ordnungsbedingungen, andererseits durch die Einbeziehung semiotischer Verweisungsbeziehungen und schließlich auch der Verfahren der Gegenstandsdarstellung, wenn auch nur in einigen der Künste, - aber immer unter Wahrung des Bezugs auf die ästhetischen Ordnungsbedingungen. Wir sahen, daß daraus folgt, daß es eine unendliche Menge möglicher Kunstgestalten gibt. Und daraus folgte wiederum, daß die Kunstpraxis nur ein Erkunden sein kann: Sie muß in einem Medium mit einem Versuch einsetzen und zusehen, was sich in der Gestaltung ausbildet. Auf die Erfahrung, die sich so einstellt, muß sie sich wach bilanzierend einlassen, um variierend und sich dabei eröffnende Möglichkeiten ausnutzend fortzufahren - immer im Blick darauf, ob ein Ansatz zu dynamischer Gestaltung sich zu einem komplexen, aber prägnanten Ganzen schließen wird. Das bleibt auch dann unverrückbar so, wenn man zugleich sieht, daß schon der erste Einsatz zur Gestaltung von einem Ausblick angeleitet wird und daß ihm eine Gestimmtheit vorausgeht, welche auch ihrerseits vage eine solche Gesamtgestaltung antizipiert. In dieser Stimmung wird zugleich die Tendenz freigesetzt, sich in deren Erkundung hineinzubegeben, worin liegt, daß die Möglichkeit des Gelingens vorausgenommen ist.

All das kann durch die Erfahrung des Künstlers und seine Meisterschaft in der Beherrschung seiner Medien routinisiert werden. Aber auch die Routine verändert nicht prinzipiell, was jegliche Kunstpraxis ausmacht (Der Film 'Le Mystere Picasso' macht diesen Vorgang auf höchst eindringliche Weise deutlich. Ein kluger Architekt hat mir einmal gesagt, die Gebäude unserer Zeit wirkten so leer, weil sie in fernen Büros entworfen würden und weil sie entstünden, während der Architekt längst an anderen Projekten arbeitet. So kann die Vertiefung der Formgebung, über Korrekturen noch im Entstehen, gar nicht zustandekommen und die Rücksicht auf sie muß schon in der Entwurfsart selbst unterdrückt werden.)

Man kann nach den Gründen fragen, sich auf die ästhetische Betrachtung einzulassen. Und dem entspricht die Frage nach den Motiven, in die Kunstpraxis hineingezogen zu werden. Die Betrachtung geschieht in einem beruhigten, von Besorgungen entlasteten Zustand, der aber in einer mühelosen Aktivität hält, die mit Vollzugslust verbunden ist. Die Kunstpraxis läßt Gestaltungen hervorgehen, die für sich selbst stehen insofern, als sie in ihrem Dasein ohne Rücksicht auf jeden weiteren Zweck nur aus der Beziehung auf den, der sie schuf, gerechtfertigt sind. In ihrem Gelingen kommt der, dem sie gelangen, selbst auch im Zeichen eines solchen Gelingens auf sich zurück. Indem sie aber als Werk sich auch von ihm lösen, ist dessen Gelingen doch zugleich auch auf eine Dauer gestellt, auf die immer wieder zurückgekommen werden kann und von dem her sich die Praxis erneut in Gang zu setzen vermag. Dadurch unterscheidet sich die Kunstpraxis von dem Gelingen im Spiel, das rein nur transitorisch ist -obwohl es als solches auch erinnert werden kann. In der künstlerischen Ausgestaltung der eigenen Lebenssphäre gehen die Betrachtung und das Bewußtsein solches Gelingens zusammen und versetzen uns in eine Art von zweiter Heimat, die birgt und die doch aus eigenem Gelingen hervorgegangen ist.

Diese und viele andere Motivationen mehr, so etwa die Bereitschaft, vor intensiven Eindrücken der Last des dahingehenden Lebens zu entkommen, schließen sich an das an, woraus sich die elementarästhetische Erfahrung ausbildet. So wie diese Erfahrung auf einer frühen Stufe in der Entfaltung der Subjektivität eintritt, so sind auch solche Motivationen mit dem, was den Menschen in seinem alltäglichen Weltverhältnis bewegt, auf recht leicht einzusehende Weise verbunden. Sie erklären für sich schon hinreichend, warum die Kunstpraxis mit dem Menschenleben von Beginn an und überall verbunden war. Doch erklären sie nur, was wir in der letzten Vorlesung als bescheidene von großer Kunst unterschieden haben. Die Möglichkeit der Kunst, Leben zu orientieren, und, wie wir sagten, zu bewegen und, auch über eine Erschütterung, zu befreien, lassen sich von ihnen allein her nicht begreifen.

Die Aufgabe, sie in dieser ihrer Möglichkeit zu verstehen, ist somit noch nicht gelöst - wenn sich in dem, was vorgetragen wurde, auch mehrmals der Anlaß zu vorausblickenden Bemerkungen in ihrem Umkreis ergeben haben. Es ist auch schon eine Bedingung dafür formuliert worden, daß die Aufgabe für angemessen gelöst gelten darf: Der ästhetische Rahmen der Betrachtung kann zwar durch das Kunstwerk in Frage gestellt werden. Aber er kann von ihm nicht gänzlich aufgehoben werden. Dem entspricht, daß ein Kunstwerk, wenn es denn das Leben seiner selbst innewerden lassen kann, doch immer noch zu diesem Leben spricht, es also zur Adresse hat und insofern Resonanz in ihm findet. Das Werk selbst und die Erfahrung, in der es vollzogen und verstanden wird, können nicht an die Stelle des Vollzugs des Lebens treten. Gewiß ist diese Erfahrung ihrerseits einbegriffen in den Lebensvollzug, und eben dies macht aus, daß Kunst im Leben zu einer Resonanz kommen kann, die nicht in der bloßen Betrachtung aufgeht. Aber ihre Werke müssen gewahrt werden und sind insofern etwas in der Welt, nicht sie selbst und schon gar nicht jene Welt, in der sich das Leben einen Ort zuweist, insofern es sich vollzieht und zugleich begreift, wieso es mit diesem Vollzug eine Bewandtnis hat.

Die Nähe der Kunst zum Lebensprozeß der Subjektivität muß also unter Wahrung der Differenz zwischen beiden erklärt werden. Wird diese gedoppelte Bedingung nicht beachtet, so ergeben sich Abwege auf beiden Seiten: Entweder der ästhetische Idealismus, dem sich das Leben in einem ästhetischen Gesamtzustand erfüllt, oder ein kunsttheoretischer Reduktionismus, der die Rezeptionsbedingungen von Kunst untersucht und dabei absieht von jeglicher Bezugnahme auf die Selbstverständigung der Subjektivität.

So ist es also notwendig geworden, das Gebiet der Kunsttheorie zunächst wieder zu verlassen und an die Überlegungen der ersten Vorlesung anzuschließen. Sie haben eine philosophische Orientierung auch für die Kunsttheorie gewinnen wollen, indem sie von Subjektivität als solcher gehandelt haben.

Sie ist als der Prozeß verstanden worden, der vom Wissen von sich anhebt, in dem sich einer., der ins bewußte Leben eintrat, in einem Gang kontinuiert und in ihm auf ein Verstehen ausgeht, das ihn selbst und sein Geschick in die Bedingungen seines Hervorgehens einbegreift. Subjektivität war insoweit von ihrem Ausgang und von einer Aufgabe, die ihr in ihrem Gang gestellt ist, charakterisiert, reichlich formal also und ohne Aussicht auf eine substantielle Erschließungsleistung - so möchte es wohl scheinen.

Doch wurde das Wissen von sich auch nicht in der Formalität eines Kantischen Begründungsgedankens gehalten. Es wurde nicht in Beziehung auf das erwogen, was sich im Wissen überhaupt von ihm her wohl verstehen lassen mag. Vielmehr standen sein Auftritt und das, was es an Verstehensproblemen auch in Beziehung auf sich selbst heraufzieht, von vornherein im Zentrum des Erwägens. Eben daraus ergibt sich eine Untersuchungsart, die sich von einer Untersuchung, die Wissen und Wahrheit als solche betrifft, ebenso unterscheidet wie von anthropologischen Einsichten über das Menschenleben. Vom Einsatz in der Nähe des ersten her hat sie die Vor-abe einer Struktur, welche dafür stehen kann, daß sich von Grundlegendem der Ausgang nehmen läßt und daß von ihm her nicht nur Wissen über Subjektivität, sondern auch Einsichten verständlich werden, die in ihr aufkommen und die ihr wesentlich sind. Und doch soll eine dem wirklichen Lebensgang des Menschen eigene Vollzugsart erschlossen werden.

Es wäre aber nicht angemessen, sich heute noch weiter auf Erwägungen einzulassen, welche nur eine Untersuchungsart betreffen, die weder als transzendental noch als empirisch noch als phänomenologisch zu beschreiben ist. Es muß genügen, sie in der Folge weiter zu praktizieren und zuzusehen, wie sie, und zwar von der Verfassung von Subjektivität aus, die ihr eigene Orientierung und Stabilität gewinnt.

Aus der Besinnung auf das Aufkommen des Wissens von sich ergaben sich mehrere Aussagen, welche die Bedingungen betreffen, in denen Subjektivität in ihren Gang gewiesen ist:

1. Sie kommt in Beziehung auf Vorgestalten auf - Weisen mentaler, auch emotionaler Zustände und Akte, die noch nicht einem Wissen von sich zugeordnet und durch es modifiziert worden sind. Diese werden also in Subjektivität einbezogen sind in deren Gang verwandelt zur Geltung kommen müssen.

2. Durch eine Analyse ist das Wissen von sich auch für den Theoretiker, der sich auf es konzentriert, nicht adäquat verständlich zu machen. Es erschließt, ohne daß es an ihm selbst anders als durch die Übersicht Über seinen Gang- und die Einsicht seiner Bewandtnis erschlossen sein könnte.

3. Dies Wissen von sich setzt einen Grund voraus, aus dem es hervorgeht. Und da es sich selbst nicht hintergehen kann, sondern in allem seinen Verstehen von sich ausgehen muß, ist dieser Grund weder in einer Wahrnehmung (was ohnedies auszuschließen ist) noch in einer deskriptiven Erkenntnis zu erreichen. Er ist NUR vorausgesetzt, das aber mit Notwendigkeit. Das wirkt gleichermaßen daruaf hin, daß die Subjektivität rinzig in dem Gang, der auf Selbstverständigung ausgreift zu einem Verstehen ihrer selbst gelangen kann. Dieser Gang verweist sie aber auch aus seiner eigenen Anlage heraus auf solches Verstehen.

4. Im Wissen von sich konstituiert sich ein Einzelne, und das in Beziehung auf eine Welt, in der er, obwohl er in ihr verkörpert ist, nicht zum Verstehen seiner selbst gelangen kann. INSOFERN er aus dem Wissen von sich heraus ein Wissender ist. Diese Weltbeziehung läßt sich nicht supendieren. Wohl aber kann auch sie einer Verwandlung unterliegen. Das ästhetische Gewahren kommt selbst dem Vollzug einer solchen Verwandlung gleich - unter Fortbestand der Beziehung auch zur ontologisch diffusen Welt, die in der verweilenden Betrachtung nur abgeblendet ist.

So ist doch bereits mit dem bloßen Aufgang des Wissens von sich ein Gefüge von Momenten verbunden, die dem Gang der Subjektivität vorausgehen, die in ihn strukturgebend eingehen und zu denen sich die Verständigung, die in dem Gang etwa gelingt, auch verhalten muß.

Jede solche Verständigung wird sich zudem in dem Gang des Lebens, in dem sie aufkommt, zu bewähren haben. Und diese Bewährung hat eine prospektive und eine retrospektive Seite. Sie muß einbegreifen, was erfahren wurde, und ihm im Verstehen eine Stelle einräumen, und sie muß darauf hinaussehen, wessen sich das Leben in seinem Gang gewärtig zu sein hat.

Sie kann auch nicht, wie eine der Bewährung bedürftige Hypothese, ausgedacht und insofern entworfen sein. Obwohl der Lebensgang nur in Distanz zu sich der eines bewußten Lebens ist, kann eine Distanz, die den Austritt aus dem Gang voraussetzen würde, innerhalb seiner nicht eintreten. Die Erkundung eines Entwurfs von Verstehen kommt im Gang auf und ist insofern an das, was in seinem Ausgang gelegen ist, rückgebunden. Da das Leben sich in einer Verständigung, die ihm etwa gelingt, als solches kontinuieren, vielleicht selbst verwandeln, sicher aber eine diachrone Stabilität finden müßte, ist Jeder solche Entwurf fraglos im Lichte dessen erwogen, wie es wäre, ihn anzunehmen, um mit ihm sein Leben nunmehr zu führen.

Bisher könnte es so scheinen, als vollzöge sich die Selbstverständigung einzig unter der Last, den Lebensgang aus sich selbst heraus zur Klarheit über sich selbst finden lassen zu müssen. Aber dabei bliebe dann außer Acht gelassen, was doch dafür, daß die Selbstverständigung sich nicht als ein Erkennen vollziehen kann. die eigentlich maßgebende Tatsache ist: Kommt das Wissen von sich aus einem ihm selbst entzogenen Grund, so steht jede ihm mögliche Selbstverständigung vor mehreren fundamentalen Alternativen. Es muß sich, in welchem Grad der Ausdrück-lichkeit auch immer, jederzeit ihrer inne sein. Und sie sind es zumal, vor denen sich ein Verstehen, das im Leben selbst platzgreift, würde bewähren müssen.

Eine dieser Alternativen betrifft die Weise, wie sich das Leben von seinem Grunde her versteht. Auf sie allein soll im Folgenden eingegangen werden:

Da der Grund von Subjektivität, somit auch die Art der Ordnung, in der sie aufkommt, ihr entzogen ist, ist sie der Möglichkeit ausgesetzt, daß sie in einen Prozeß der Selbstbehauptung gebannt ist, der sie selbst ausmacht. ohne daß dem irgendeine Bewandtnis zukommt, daß sie sich in ihm und als er vollzieht. Er möchte ein Geschehen wie jedes andere sein, das einer Notwendigkeit unterliegt, die - so wie die als entgötterte Natur begriffene Alltagswelt - über Gesetze exekutiert ist. Ein Leben, das dies eingesehen hat, kann sich unter dem kühlen Licht solchen Verstehens weiter dahingehen lassen und unter dem Vorbehalt letzter Belanglosigkeit eine und die der ihm Anvertrauten Angelegenheiten besorgen. Solange dies Verstehen nur eine Grundtendenz ist, der ein Mensch als latente Hintergrundüberzeugung zuneigt, die als solche also nicht prägnant und nicht auf ihren Ernst hin geprüft ist, kann sie ohne alles Aufheben in das alltägliche Verhalten eingegangen sein. Zur wirklichen Einsicht kann sie aber nur in einer ganz anderen Vollzugsweise werden. Da wird sie die Alltagsroutine und deren Profilierung durchbrechen, in einem dramatischen Akt plötzlicher Durchsicht bis auf den Grund, der das Leben als ganzes in Distanz bringt und der zugleich in Klarheit erfaßt, was es heißt, sich in allem, was man tut (und liebt!), zum bloßen Faktum deklarieren zu müssen. Die Dramatik des Aufkommens der Einsicht ist in ihrer Vollzugsart das Gegenteil von emotionaler Hochspannung. Sie ist vielmehr nut einer plötzlichen Vereisung, dem Verlust der Lebensspannung unter der Klarheit der Einsicht zu vergleichen. Schon vor langem habe ich sie als das plötzliche Einbrechen einer Not sprachlich zu fassen gesucht.

Doch es gibt ebenso den Ausgriff des Lebens auf die entgegengesetzte Einsicht. Und sie kann in derselben Rapidität und Klarheit aufgehen. Sie ist dann die Erfahrung einer definitiven, einer durch kein anderes Geschehen noch zu überbietenden oder übersteigenden Affirmation des eigenen Lebens. Das Wort 'Glück'mag gebraucht werden, um eine Lebensbilanz oder die Bilanz einer Lebensphase im Überschlag zu bezeichnen. Man sagt dann, daß man sich für , glücklich' halte. Glück meint auch exzeptionelle Erfahrungen, Hochzustände, in denen man durch etwas beglückt ist oder sagen kann, 'Du hast mich glücklich gemacht'. Aber der Einbruch der Einsicht, die jene Grundaffirmation mit sich führt, ist davon doch noch ganz unterschieden. Er hat mehr mit dem zu tun, was die Mystik 'Erleuchtung' genannt hat. Vielleicht kann man diese Affirmation die Erfahrung eines "erlösenden Einklangs" nennen. (Nietzsche und Wittgenstein haben von solchen Erfahrungen her gedacht, der letztere allerdings nur in einer Nacherfahrung zu dem, was in einer Theateraufführung auf der Bühne artikuliert worden ist.)

Darnit sind extreme Möglichkeiten der Selbsterkenntnis im Lebensvollzug markiert. Zwischen ihnen herrscht insofern auch eine Spannung, die in ihrer Art gleichfalls extrem ist. Und doch kann das Leben nicht allein von dem Aufkommen einer solchen Einsicht her geführt werden. Jede muß von der Möglichkeit der anderen her schließlich verstanden werden können - und nicht nur so, daß der Vollzug der einen Einsicht seine Kraft gerade aus dem definitiven Ausschluß der anderen gewinnt. Das folgt allein schon daraus, daß jeder als Einzelner von sich weiß. Er kann also den Lebensgang anderer. der im Lichte der Not stand und so zu Ende ging, nicht unter dem Vorzeichen des Irrtums einfach nur wegbilanzieren.

So muß es also ein Selbstverhältnis im Prozeß der Subjektivität geben können, das über die extremen Erfahrungen noch hinausgeht und das sich zu ihnen trotz ihrer Gegensätzlichkeit in einem noch weiter vertieften Verstehen verhält. Daß es eine solche Verstehensart gibt, läßt es allererst möglich werden, daß in einem einzigen Leben sowohl die Erfahrung der Not wie die Erfahrung des erlösepden Einklangs eintritt, ohne daß das geradezu zwingend zur Folge hat, daß sich in diesem Leben zugleich mit einer Selbstpreisgabe ins bloße Dahingehenlassen Indifferenz zu allem ausbreitet, was ihm wesentlich schien.

Solches Verstehen kann nicht wiederum eine punktuell in ein Extrem gesteigerte Erfahrungsart sein. Sie muß im Wissen von dem entzogenen Grund und über die extremen Erfahrungen und die in ihnen beglaubigten Thesen hinweg eine Summe des Lebensganges ziehen, die ihn als ganzen mit dem ihm entzogenen Grund zusammenführt. Hölderlin, dem ich hierin folge, hat diese Verstehensart als Erinnerung in einem ausgezeichneten Sinn genommen, der über das Innewerden von Vergangenem hinausgreift: Eine Erinnerung an den nicht in Präsenz zu bringenden Grund, der sich zugleich in dem Gang, der von ihm anhebt, in den ihm gemäßen Vollzug setzt, der diesen Gang in die ihm wesentlich möglichen Extreme zieht und der schließlich in der verstehenden Selbstbeziehung, und nur in ihr, zu einem Ganzen wird. In solcher Erinnerung vollzieht sich wohl eine Affirmation, aber nicht eine solche, die der Selbstnegation der Not noch entgegenzustellen ist.

Die Ruhe in der Gestimmtheit dieser wissenden Selbstbeziehung zeigt an, daß das Leben mit ihr in gewissem Sinn über sich hinauskommt. Aber dies Hinaus über sich ist doch ebenso ein Zusammenschluß, in dem es auch in Beziehung auf seinen Gang ganz zu dem wird, woraus der Gang hervorging: Wissen von sich - und damit zu etwas, was außerhalb des Ganges ein Ding der Unmöglichkeit wäre. Hölderlin schien es deshalb angemessen, diese Einsicht, sofern sie aus dem Leben hervorgeht, als den transzendentalen Moment in ihm zu fassen. Insofern hat er, mehr noch als die der Not entgegengesetzte Erfahrung des Einklangs, mit dem gemeinsam, was für Mystiker Erleuchtung hieß. Aber als plötzlicher Einbruch von Einsicht kann ein solcher Zustand der Selbstbeziehung gar nicht aufkommen. Doch ließe sich solche Erleuchtung ja auch, ähnlich dem, was Aufklärung eigentlich heißt, einem stetig ansteigenden und sich verbreitenden Licht vergleichen.

Aus der Abfolge der Überlegungen heraus, die zur Aufnahme eines Hölderlinischen Motivs hingeführt hat, können sich an das, was hier 'Erinnerung' heißt, noch drei weitere Züge anschließen. Sie explizieren diese Einsicht, entfalten sie aber ebenso weiter und sind dann auch dazu geeignet, der Verständigung über große Kunst eine Anleitung zu geben:

1. Wenn der Grund von Subjektivität von sich aus in den Gang verweist, den sie nimmt, und in einem damit der Summe, in der sie Not und erlösenden Einklang zusammennimmt, die Deckung der Legitimation gibt, dann geht in das Ganze von Grund und Gang die Bedeutung von dem ein, was zu Beginn der Vorlesungen als 'Integrationswelt' bezeichnet worden ist. Aber der Sinn von Ordnung, der diesem Inbegriff von Gegründetsein nun zukommt, kann nicht eigentlich mehr der einer 'Welt' sein. Denn dieser Sinn von Ordnung läßt jedes Bedeutungsmoment von Anordnung, auch das von integrierender Einordnung, inadäquat werden. Kraft der Ordnung und in ihr ist nicht sozusagen ein Subjekt gesetzt, um es dann'sich und seinem Selbstvollzug zu überantworten und zu überlassen. Das im Selbstvollzug geführte Leben ist dem Ordnungssinn als solchem noch einzuschreiben. Damit gewinnt nunmehr die Ordnung einen aktivischen Sinn, auf den Fichte zielte, als er unter dem Druck des Atheismusvorwurfs die Rede von einem Ordo ordinans aufgenommen hat, und zwar nicht den Sinn einer Aktivität, die auf anderes geht, sondern den Prozeßsinn eines Sich-selber-Durchführens, also einer Ordnung, die im Sichausgestalten überhaupt erst wirklich wird und allein in ihm wirklich ist.

2. Daraus folgt ein Zweites: Daß ein Leben aus dem Wissen von sich heraus geführt wird, ist offenbar nur noch als die halbe Wahrheit zu nehmen. Denn es muß sich zugleich als einen Vollzug verstehen können, in den es eingesetzt ist. Man hat also zu sagen, daß es seinem Grund und Ausgang entspricht, indem es sich im Wissen von dem ihm entzogenen Grund kontinuiert und vertieft und sich schließlich auch als ein solches Entsprechen verstehen muß. Heidegger hat Denken selbst als ein Entsprechen begreifen wollen, und zwar in einer Revision des Abwegs, der Denken als Tun des seiner selbst mächtigen Subjekts meint nehmen zu müssen. Wir haben jedoch einem Entsprechen gerade dort seinen Ort einzuräumen, wo sich das Selbstverhältnis dieses Subjekts in der ihm gemäßen Weise ausbildet. Noch manchem anderen zu entsprechen ist uns allerdings aufgegeben - doch nicht einem eine Welt erschließenden Horizont, der für Heidegger von etwas her, was doch nur ein Wort ist, nämlich dem 'Seyn' seinen Aufgang haben soll.

3. Was vom Ordnungssinn selbst und von dem Entsprechen zu ihm innerhalb des Vollzugs der Subjektivität gilt, muß für den dritten Zug, welcher er erinnernden Übersicht eignet, in noch höherem Maße hervorgehoben sein - daß sie nämlich im Alltag des Lebens wohl nur in unabgehobener Latenz wirksam sein können. Doch folgt auch dieser dritte Zug aus dem, was die erinnernde Übersicht in ihrer Lebensbedeutung ausmacht. Ganz fremd oder befremdlich können alle diese Züge also dem Leben als solchem nicht sein - wie sehr es auch durch öffentlich gestützte Gebrauchsmeinungen für den Alltag von ihnen weggedrängt worden sein mag:

In der Erinnerung des Lebensganges wird er mit seinem ganzen Verlauf in den Grund einbegriffen. Dieser Grund entfaltet sich in ihm. Und iriit diesem Grund ist der Ordnungssinn begründet, der eine solche verstehende Versammlung überhaupt erst möglich werden läßt. Von dem Aufkommen der Übersicht, dem transzendentalen Moment im Leben, kann gewiß nicht gesagt werden, daß er einem Zweck diene, daß er einem Lebensziel zu Diensten sei. Ebensowenig kann gesagt werden, daß der Lebensgang um seinetwillen durchlaufen werde. Indem der Gang in einem solchen Moment kulminiert, ist er in ihm samt seinem Grund zugleich auch zur Gänze gegenwärtig. Und daraus versteht sich bereits das in die Erinnerung eingebildete Bewußtsein einer von nichts anderem her gewonnenen und auch zu nichts anderem hinführenden Bedeutung und Legitimität - einer Bedeutung in sich, also gewiß auch nicht vor Anderen und für wie immer noble Belange.

So eignet dem Grund in Beziehung auf den Moment des Aufkommens der erinnernden Übersicht die Eigenschaft alles das, was im Gang aufgeht, zugleich auch zum Ganzen des Ganges werden zu lassen. In einem formaler gefaßten Ausdruck läßt sich dies so beschreiben: Zumindest eines der Vielen, welches in einen Zusammenhang eingegliedert ist, steht nicht nur in diesem Zusammenhang, sondern ist dieser Zusammenhang, insofern er in es eingegangen ist. Nachdem er so formal gefaßt ist, läßt sich der Zusammenhang dann auch verallgemeinern: Insofern der Giing zur Übersicht führt, ist jeder Schrittjeder Moment in ihm in jeweils seiner Weise zugleich auch das Ganze des Ganges.

Dem entspricht nun ein ebenso alter wie vielfach erneuerter Grundgedanke von dem, was überhaupt ist: Das in sich eingeschränkte Endliche steht dem Schrankenlosen, dem Absoluten nicht nur als sein Anderes gegenüber. Das, was als Absolutes in sich selbst al ist, ist dies nur insofern, als es in das Einzelne eingeht und ihm auf jeweils andere Weise die Verfassung gibt, durch die es sich von anderen unterscheidet. Das Leitwort, das diesem Gedanken Ausdruck gibt, ist das von der All-Einheit. Wenden wir diesen Gedanken nun auf die Zeit und auf die Verfassung der Einzelnen, die in der Zeit sich zu verwirklichen haben, so wird er unmittelbar in den Gedanken von einem All-Jetzt transformiert: Das Eine, das alles einbegreift, ist in jedem gegenwärtig, was in der Zeit aufkommt. Denn was für jedes Einzelne als solches gilt, gilt vielleicht auch für das Einzelne in dem Gang, den die Zeit selbst in ihm nimmt. Es gilt zumal für die Phasen und Stadien des Einzelnen, das - wie die Subjektivität - sich allein in einem Gange zu vollziehen vermag.

Gewiß kann dieser Gedanke nicht als konstitutiv für sie in jedes der Stadien und Momente eingehen. Für sie kann die Last des Sich-Kontinuieren-Müssens ganz und gar bestimmend sein. Und dann wird der Drang zum Freikommen aus ihnen jeden Gedanken an das abdrängen, was auch diesem Moment in ihm selbst und als solchem eigen und was ihm in Wahrheit zuzusprechen ist. In der Erinnerung aber, wenn ein Leben denn zu ihr gelangt, wird hervortreten, was im Moment selbst verdeckt geblieben war. Insofern also das Leben auf ein Sich-Verstehen in einer Integrationsordnung, darnit auf eine solche versammelnde Erinnerung ausgreift, muß in ihm auch die Möglichkeit dazu gelegen sein, die Erfahrung von einem All-Jetzt zu vollziehen.

Erinnernde Übersicht, Entsprechen, All-Jetztheit - gewiß haben Sie längst bemerkt, wie das, was mit solchen schwergewichtigen Worten über Subjektivität gesagt wurde, in die Verständigung über die Resonanz großer Kunst im Leben aufgenommen werden soll. Bevor wir aber zum zweiten und letzten Mal von unserem Thema Subjektivität zum Thema Kunst übergehen, soll die Etüde über Sub jektivität noch um zwei Perspektiven bereichert sein, die weniger weit in eigentümlich philosophische Gedanken hineinziehen.

1. Daß uns der Grund von Subjektivität entzogen bleibt, hat nicht nur zur Folge, daß wir im Gang der Selbstverständigung auf die Möglichkeit der extremen Erfahrung der Not vorauszusehen haben. Die Kontinuierung unseres Lebens steht selbst immer in Frage - und zwar nicht nur wegen der Unabwendbarkeit seines Endes. Das Ende läßt sich, so haben wir zu hoffen, in versammelnder Erinnerung und vielleicht auch in der Affirmation des Endlichen, die von der Erfahrung der All-Jetzt-Heit ausgeht, annehmen und durchstehen. Entzogen ist uns jedoch auch eine registrierende Kenntnis von der Kraft unseres Lebens, sich überhaupt als Subjektivität auf deren Gang zu halten, also sich im Wissen von sich zu kontinuieren. Die Selbstbehauptung kann auch rrüßlingen und damit in einen Absturz aus jeglicher sich zum Selbstvollzug gliedernden Subjektivität gestoßen sein. Daß das Leben sich nicht selbst konstituiert und daß es dem, was es ins Wissen von sich setzt, entsprechen müßte, findet dann ein depraviertes Gegenstück in einem psychotischen Sog. Er kann hochgesteigerte Expressivität und Kreativität freikommen lassen und Einsichten hochtreiben, mit denen jegliche Alltagsroutinen auf eindrucksvolle Weise durchstoßen werden. Gleichwohl ist, was sich so vollzieht, Zerfall eines Lebens, das im Wissen von sich zu führen wäre.

Es macht eine Einschränkung im Selbstverständnis eines Lebens aus, in seinem Gang zu dieser Möglichkeit in gar keinem Verhältnis zu sein. Wenn eine Lebensorientierung, die zu irgendeiner Zeit öffentlich nahegelegt ist, sie als Möglichkeit abdrängt, wird sich die aus der Lebensbewegung selbst heraus aufkommende Imagination irgendwann, und wahrscheinlich subversiv, gegen diese Orientierung wenden. Damit ist sie dann im Recht, wenn sie auch mit der Position, die sie als Subversion bezieht, leicht in ein noch größeres Unrecht geraten kann.

2. Der Gang der Subjektivität ist auch insofern nicht selbstgenügsam, als er sich durchgängig ins Verhältnis zu drei Grundtatsachen zu setzen hat, in Beziehung auf die das Wissen von sich anfänglich schon eingetreten ist: Die Vorgestalten der Subjektivität, die Verkörperung, die Beziehung auf die ontologisch diffuse Welt.

Mit welcher Macht die eigene Körperlichkeit und die Ausgestaltung der Weltbeziehung das bewußte Leben in Anspruch nehmen, bedarf der Ausführung nicht. Auf beide muß auch die Verständigung eingelassen sein, welche die Subjektivität schließlich der Beziehung auf ihren ihr entzogenen Grund abgewinnt. Eigens verwiesen sei jetzt nur noch auf die Aufgabe, die Vorgestalten der Subjektivität in deren sich entfaltendes Leben verwandelnd einzubegreifen. In der ersten frühkindlichen Lebensphase ist noch kein Wissen von sich aufgekommen, welches jeweils mich von meiner Umgebung und meinen Bezugspersonen explizit unterscheidet. In ihr ist das Leben in -- wie man sagt -- symbiotische Erfahrungen eingebunden, die es mit emotionaler Intensität durchschwingen. Diese Intensität, die sich um die Erfahrung von Bindung und Trennung entfaltet ist weder zu vergessen noch wieder zu erreichen. Und auch von dem Typus der Erfahrung von Bindung und Trennung ist sie nicht abzuscheiden. Die Subjektivität muß diesen Erfahrungen also in ihr im Wissen von sich vollzogenes Leben verwandelt Eingang finden lassen; -- verwandelt deshalb, weil die Abscheidung in das Für-sich-Sein des Einzelnen nur über einen pathologischen Absturz rückgängig zu machen wäre; -- Eingang finden lassen aber deshalb, weil anders die Kontinuierung im Bewußtsein nur um den Preis der emotionalen Verkümmerung zu gewinnen wäre -- und insbesondere um den Preis der Bindungsunfähigkeit. Der aber wäre, aus Gründen, auf die nicht mehr eingegangen werden kann, auch für die Handlungsart von bewußtem Leben und damit für dessen sittliche Dimension perniziös.

Wer sein Leben aus einem ihm unverfügbaren Grund hervorgehen weiß, der wird keinen Anstoß an der Tatsache nehmen, daß die Kontinuität seines im Wissen von sich vollzogenen Lebens auch von dem Anschluß an Erfahrungen abhängig ist, die dem Wissen von sich vorausgingen. Doch der Verlauf des in diesem Wissen sich kontinuierenden Lebensganges schließt eben auch die Möglichkeit ein, sich gegen Vorgestalten der Subjektivität abzuschotten, sie damit auf inadäquate Weise zu intellektualisieren oder sich in eine nur ebenso künstlich hervorgetriebene Emotionalität hineinzumanövrieren. Dann wird aber, ebenso wie im Falle des Verdrängens der Möglichkeit des Absturzes, eine subversive Aufklärung der Subjektivität über sich selbst aufkommen. Sie geht darauf aus, der künstlich eingegrenzten Subjektivität eine entgrenzte Subjektivität samt der auch ihr eigenen Kreativität entgegenwirken zu lassen. In modernen Theorien, vor allem aber in der Kunstproduktion unserer Zeit geht vieles auf diesen Effekt aus. Er wird mißverstanden, wenn man ihn als Provokation heraus aus dem bewußten Leben deutet. Die hermeneutischen Theorien, welche diesen Tendenzen der Kunstproduktion folgen und die schon lange dabei sind, das Ende des Subjekts zu proklamieren, sollten doch eigentlich tiefer sehen können. Jedenfalls sollten sie so angelegt sein, daß sie nicht - wie oft bei Derrida - wie immer auch wider Willen, darauf hinauslaufen, die psychotische Auflösung der Subjektivität zu favorisieren.

Damit hat der Umweg über zwei ergänzende Skizzen, in denen Subjektivität als solche noch weiterhin Thema war, bereits zurückgeführt in den Bereich der Kunsttheorie. Er hat sogar Anlaß zu einer Bemerkung zur Kunst in unserer Zeit gegeben. Doch nun ist allererst damit zu beginnen, alles das, was zuvor über den Gang der Subjektivität selbst gesagt worden ist, für eine Verständigung über Kunst und insbesondere über große Kunst fruchtbar werden zu lassen.

Es ist offenkundig, daß dafür wieder bei der Dynamik eingesetzt werden muß., die mit den Tatsachen, welche die ästhetische Situation und die Kunstpraxis ausmachen, von konstitutiver Bedeutung ist. Schon die elementarästhetische Betrachtung ist selbst in einer zwiefachen Aktivität begründet. Doch die kann für sich allein nicht dazu taugen, Kunst in irgendeinem emphatischen Sinn in ein Verhältnis zur Lebenspraxis zu setzen. Denn sie muß schon im Gange sein, wenn nur irgendein Weltgehalt unter dem Gesichtspunkt ästhetischer Stimmigkeit die Aufmerksamkeit auf sich zieht.

In der Kunstpraxis wird aber darauf ausgegangen, nicht nur solche Stimmigkeit überhaupt zu erreichen, sondern die Komplexion im Widerstreit der Elemente im dennoch stimnügen Kunstgebilde zu steigem und dabei auch anzuzeigen, in welcher Weise sie sich ergänzen und in ein ausgeglichenes Widerspiel fügen. Der Künstler prüft und revidiert bei der Realisation einer Werkidee seine Entwürfe so lange, bis der Kraft- und Wirkungsausgleich zwischen den Elementen lückenlos geworden und klar hervorgetreten ist. Der kompetente Betrachter muß dies Ergebnis von den Intentionen her, die in das vollendete Werk erkennbar eingegangen sind, nachzuvollziehen und zu würdigen wissen. Jedes Kunstwerk von Rang hat nicht nur überhaupt einen prägnanten Ausdruckswert. Mit ihm ist zugleich auch eine Weise der Behandlung von dynamischem Widerspiel zum Ausdruck gekommen.

Wenn nun aber die Kunstpraxis zur Dynamik der Lebensbewegung in ein bestimmtes Verhältnis gesetzt werden soll, dann verdienen Künste besondere Aufmerksamkeit, deren Medien eine Werkgestalt nur über die Entfaltung in der Zeit zustandekommen lassen: Die Sprach- und die Bewegungskünste und die Tonkunst zumal. Denn für deren Werke ist die Abfolge von Anheben, Gang der Durchbildung und Resumption zu einem Ganzen ebenso wesentlich wie der Lebensbewegung selber - nur daß sich die Resumption in den Künsten als waches Gewahren, im Leben aber in einem Verstehen, das gedankenvoll ist, zu vollziehen hat. Diese Differenz schränkt wohl die Fähigkeit der Kunst zur Vergegenwärtigung von Lebensbewegungen auch ein. Zunächst ist aber die Beziehung zwischen beiden zu verdeutlichen, die aus der gemeinsamen Verwurzelung in einer Dynamik ähnlicher Anlage hervorgeht.

Aus einer ganz einfachen Begründung ergibt es sich, daß Kunstwerke nur dann die Lebensbewegung der Subjektivität erreichen können, wenn sie Komplexität aufweisen und wenn sie Abstand zu geläufig gewordenen Mustern der Gebrauchskunst halten. Dem Lebensgang eignet zwar eine Verfassung, die ihn in extreme Erfahrungen tendieren läßt. Aber die Bedingungen, unter denen es zu ihnen kommt, sind durch kein Gesetz, wie es etwa das der Folge von Entwicklungsstadien wäre, vorgezeichnet. Das Subjekt ist rnit seiner Vorgeschichte, seiner Verkörperung, seinem Einzelnsein unter anderen und rnit dem, was die Welt ihm einräumt und auf es zukommen läßt, in vielfältiger und vielschichtiger Weise immer zugleich befaßt und herausgefordert. Unter diesen Bedingungen muß sich der Gang vollziehen, der seinem Leben doch wesentlich ist. Wenn nun ein Kunstwerk, das selbst ein Weltgehalt ist, das Subjekt von all dem weg und in es selbst konzentriert, dann muß das, als was es sich nunmehr zu erfahren vermag, nicht die Komplexion eines alltäglichen Lebens nur beiseitedrängen. Es muß ihr vielmehr korrespondieren - jedoch in einer verwandelten, einer von der Verfassung des eigentlichen Lebensganges her geordneten Gestalt. Die Tendenz der Kunstpraxis zur Vertiefung der ästhetischen Formgebung geht also in eine Richtung, die zugleich auch als Bedingung für die Lebensbedeutung von Kunst zu gelten hat. Daraus folgt allerdings nicht, daß jede Entdeckung einer neuen Kunstform auch gegenüber der ihr vorausgehenden komplexer angelegt sein muß. Sie kann auch gegenüber einer Kunst, die sich dern Leben nicht mehr anzuschließen vermochte, eine neue Blickbahn öffnen, die sowohl in größere Nähe zur Dynamik der Erfahrung wie auch zu prägnanterer Formgebung führt. Im übrigen gibt es auch Komplexionen, die nicht solche der Formgebung sind.

Aus dem gleichen Grund kann Kunst, die Lebensbedeutung hat, nicht zur Routine werden. Die Lebensbewegung, mit der sie in einen Einklang zu kommen hat, folgt nicht einem Verlauf, der damit, daß er vom Wissen von sich anhebt, wie eine Route abgesteckt und übersichtlich wäre. Obwohl die auf ihm möglichen Erfahrungen unterschwellig auch antizipiert werden, treten doch gerade die bedeutendsten unter ihnen unabsehbar und plötzlich ein. Auch daraus, daß nicht zu ahnen war, wie sich in ihnen das erschließt, was sie erschließen, geht zu einem Teil ihre verwandelnde Kraft hervor. Ein Kunstwerk würde selbst dann, wenn die Dynamik des Lebens in irgendeiner Weise in es Eingang hätte, nicht mehr von ihr her nachvollzogen werden können, wenn das, was in der Lebensbewegung notwendig jeweils originär und insofern neu vollzogen werden muß, wie ein seit langem beherrschter Übungsgang nur zum Nachvollzug anstünde.Darum ist es auch nicht allein der, in seiner Weise auch legitime, Drang des Künstlers danach, seine eigene Produktivität zu erproben, der die Geschichte der Künste immer in eine offene Zukunft verweisen wird. Auch die Entdeckungsgeschichte der Kunst, die mit jeder gelungenen Formgebung neue Potentiale von Formgebung aufkommen und erkennen läßt, gibt dafür nur ein weiteres, nur partiales Element der Erklärung. Und selbst die Einbindung in die Bewußtseinslage einer Zeit, der die Kunst immer am wachsten nachspüren wird, macht die Erklärung noch nicht vollständig. Die Erschließung der Bewegung im Lebensgang, nicht in distanzierter Deskription. sondern zum gewahrenden Nachvollzug aus diesem Lebensgang heraus, kann nur dann im Leben Resonanz finden, wenn sie die Last und die Spannung in ihm ebenso wie das Unabsehbare des Sich-Eröffnens von erlösender Übersicht in der Weise ihrer Erschließung adäquat in sich eingehen ließ. Dafür, daß dies auch gewahrt werden kann, ist die Innovation in der Formgebung eine Voraussetzung.

Einige Werke großer Kunst gehen nun aber nicht nur aus einer Meisterschaft in der Beherrschung der Potentiale eines Metiers hervor, die zu einer ins Unwahrscheinliche gesteigerten Komplexion dennoch gelungener Formgebung genutzt worden ist. Schon das würde zwar genügen, sie vor der Abnutzung durch Alterung zu bewahren. Sie haben aber zudem so viel von der Dynamik des Lebensganges in sich Eingang finden lassen und die Weise, in der er sich verfängt und verwandelt. zusammen mit der Entwicklung ihrer Formgebung so eindringlich artikuliert, daß sie über die Schwellen der Epochen hinweg immer wieder eine ganz andere als eine artistische, eine uenießerische oder historisch interessierte Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

All dies haben wir vorauszusetzen, wenn wir nun die Dynamik zu charakterisieren versuchen, die sich im Formverlauf des Kunstwerks ausbildet: Indem es anhebt, also mit dem ersten Takt oder Satz eines Werks, wird ein Raum für die Durchführung aufgeschlossen und eine wohlbestimmte, in der Konsequenz aber noch unabsehbare Situation und damit auch Gespanntheit gesetzt. Diese Situation muß sich nun im Fortgang ausgestalten - und zwar durch eine Bewegtheit, die den Einsatz aufnimmt und differenzierend in eine Kontinuität versetzt, ebenso aber durch das Aufkommen von Kontrasten. Soll sich der Entwicklung eine Lebensbewegung anschließen können, so werden die Kontraste in dem Raum, der durch den Anfang erschlossen ist, möglichst extrem sein müssen. Doch mit der Erschließung des Raumes kommt eine Bewegung immer so in Gang, daß sie auf einen Zusammenschluß hin tendiert, ohne den sich kein Werk ergeben könnte, das den elementarästhetischen Kriterien der Richtigkeit gemäß ist. Die zu Beginn eingerichtete Gespanntheit geht also auf einen Abschluß hin. Das wach mitgehende Bewußtsein kann sich insofern gar nicht allein auf die jeweilige Phase der Entfaltung der Form konzentrieren. Es muß immer zugleich dessen innesein, wie sich über die jeweils engagierte Phase die gesamte Bewegung vom Ausgang zum Abschluß hin artikuliert. Das aber heißt, daß es zugleich auf eine Übersicht über den Verlauf insgesamt hin orientiert ist. Jeder Kontrast und jede Wendung im Entwicklungsgang wird von ihm als Schritt innerhalb einer im Werden begriffenen Übersicht und hin zu einer wirklichen Übersicht über die gesamte Verlaufsforrn vollzogen. Der von Furtwängler oft zitierte Schenker hat dies für die Musik mit dem Ausdruck 'Fernhören' anzeigen wollen.

Nun bildet sich diese Übersicht aber nicht kontinuierlich aus, so daß sie erst am Schluß des Werks vollendet eintritt. Zwar bleibt die Entwicklung bis zum Ende in ihrem Gang. Aber der Abschluß muß doch absehbar sein. Und zum Ganzen wird das Werk nicht durch Steigerung der Formierungsdichte bis zu einem Höhepunkt, der dann auch einen Absturz nach sich ziehen müßte. Das Ende muß innerhalb des Formverlaufs auch Ausklang sein. Das aber bedeutet, daß dieser Formverlauf innerhalb seiner selbst auf einen Kulminationspunkt ausgehen muß, an dem in der Entwicklung eine Umkehr zum Ende hin erfolgt und auf dem die Übersicht über das Ganze, ohne schon vollendet zu sein, in gleichgewichtiger Beziehung auf den Anfang und auf das noch ausstehende Ende ihrer selbst sicher zu werden vermag. Die Anlage des Werks und der Raum, den es eröffnet, entscheiden auch darüber, an welcher Stelle in seinem Formverlauf die~e Ruhe- und Wendungsphase ihren Platz finden kann. Sie entspricht dem transzendentalen Moment im Werkganzen. Es läßt doch wohl erstaunen, daß wiederum Hölderlin es war, der schon vor zweihundert Jahren dieses ästhetische Gesetz des Formverlaufs eingesehen und im Ansatz auch erklärt hat. Dem Umstand, daß er es in seinen Dichtungen beachtete, deren Verlauf er zugleich aus den Kontrasten heraus bildete, in welche die Lebensbewegung gezogen wird, verdankt sein Werk zu einem nicht geringen Teil seine Tiefe und Wirkungsmacht.

Zwei Umstände wirken dahin, daß ein Formverlauf dieser Art immer Züge dessen aufweist, was in der ersten Vorlesunu als Integrationswelt' zur Sprache gekommen war: Der Formverlauf, an den sich die Subjektivität in ihrem Verstehen anschließen kann, ist in eine Ordnung eingeschrieben, die nicht von dem Verlauf selbst gesetzt werden kann. Eine solche Ordnung ist vor allem von dem Medium vorgegeben (von den Verhältnissen etwa, die zwischen Tönen oder Farben herrschen), aber auch von dem Einsatz mit einem bestimmten Anfang, der dann die Ausdrucksweise der gesamten Entwicklung durchherrscht. Darüber hinaus muß sich die Entwicklung selbst auch so vollziehen, daß ihre Phasen weder als etwas erscheinen, was zur Disposition innerhalb ihrer stünde, noch als ein Aufkommen so oder so - ohne weitere Bewandtnis. Die Entwicklung vollzieht sich also zwar nach ihrem eigenen Gesetz, aber zugleich so, daß sie als einbegriffen in eine Ordnung erscheint - nicht als eine solche, die sie nur zuläßt, sondern als jene Ordnung, die sich zugleich mit der Entwicklung realisiert. Das ist dem veränderten Ordnungssinn gemäß, von dem im ersten Teil dieser Stunde die Rede gewesen ist. All das ist, wohlgemerkt, zunächst gar nichts anderes als eine Folge dessen, daß ein Werk, ein Gebilde in einem Medium, die Betrachtung auf sich zieht. Doch ist es eben deshalb auch disponiert dafür, eine Betrachtung an sich zu binden, in die eine Bewußtheit Eingang gefunden hat, die aus dem Lebensgang hervorgeht.

Doch warum öffnet sich überhaupt die Subjektivität in ihrer Lebensbewegung der Erfahrung von Kunst' Gewiß nicht - und das ist schon gesagt worden -, um sich selbst aus der Kunsterfahrung heraus zu vollenden. Sowohl die extremen Erfahrungen im Lebensgang als auch die Bedingungen vielfältiger Verwicklung, unter denen sie eintreten, können nur im aktualen Selbstbezug jedes einzelnen Lebens, nicht in der Kunstgestalt, ihre eigentliche Wirklichkeit haben. Doch eben das läßt verstehen, was Kunst jenseits aller ästhetischen Eindrücklichkeit im Leben ihre Resonanz gibt: Zwar ist das Leben in seinem eigenen Gang, und zwar aus der Verfassung der Subjektivität heraus, auf die Phasen bezogen, die von dieser Verfassung her ausgelegt sind, so daß in ihm auch ein latentes Wissen von dem wirkt, was seine Möglichkeit und sein Geschick ausmacht. Dennoch hat es keine Einsicht in diesen Gang, die nicht in die - geängstigte oder vertrauensvolle - Voraussicht auf ihn eingebunden wäre, die innerhalb seiner allein platzgreifen kann.

Kunstwerke können das Leben in ganz anderer Weise zu sich selbst ins Verhältnis bringen. Indem sie es in die Betrachtung hineinziehen, heben sie es dann aus den Verwicklungen in der diffusen Alltagswelt heraus und erschließen ihm eine Bewegtheit, von der es verstehen kann, daß in ihr Wesentliches der Bewegtheit klar hervortritt, in die es selbst jenseits aller dieser Verwicklungen gewiesen und gezogen ist. Das kann eine Befreiung zu sich selbst sein - und zwar deshalb, weil das Leben für die Zeit, während der es in die Betrachtung versetzt bleibt, zugleich in eine Bewegung gezogen ist, die es als ihm gemäß erfährt. Folgt sie doch einer Dynamik, auf die es selbst in dem hin orientiert ist, was es nunmehr deutlich als ihm wesentlich einsieht. Erschütternd kann diese Erfahrung sein, wenn mit ihr zugleich unabweisbar herauskommt, in welche Extreme ein Lebensgang gezogen werden kann, ohne wissen zu können., wie er vor ihnen aus der eigenen Kraft heraus würde standhalten oder sich gar verwandeln können.

Eine Vergegenwärtigung des Lebensganges, die nicht nur von und zu ihm spricht, sondern die es in der Betrachtung zugleich seiner selbst innewerden läßt. ist nur als Kunst möglich. Nur sie kann eine Dynamik als solche in ihrem Vollzug offenbar werden lassen und nur sie hat die Fähigkeit, den Spannungen in ihm und den extremen Erfahrungen, die in ihm aufgehen, auch über die ernotionalen Zustände, die sie mit ausmachen, ein adäquates Ausdruckskorrelat zu geben. Allen Erscheinungen in der Natur fehlt die Eindeutigkeit der Verweisung auf sie. Alle Lebenslehren, auch die, die mehr als bloßer Unterricht sind, können allenfalls in sie geleiten und in Übungen, etwa denen der Meditation, auf sie zugehen lassen. Auch das läßt begreifen, was, wie man sich ausdrücken mag, die singuläre Kulturbedeutung der Kunst ausmacht. Wer mit den Werken großer Kunst lange umgegangen ist, wird dadurch in der Bewußtheit seiner Lebensführung verändert.

Dies alles kann gesagt werden, ohne daß die Differenz zwischen der Lebensführung und dem betrachtenden Nachvollzug des Kunstgebildes in irgendeiner Weise eingezogen würde. Das darf durchaus auch nicht geschehen, wenn denn Kunsterfahrung und Lebensernst nicht zu einer gedankenschwachen Mixtur zusammengeschoben werden sollten. Und doch ist gerade rnit dem Nachvollzug der Dynamik, die ein Kunstwerk in der Zeit sich entfalten läßt, die Möglichkeit zu einer Erfahrung verbunden, welche die Subjektivität nicht in der Betrachtung eines anderen macht oder versteht. Sie ist vielmehr von solcher Art, daß die Subjektivität in diese Dynamik hineingezogen wird, so daß sich im Nachvollzug etwas, das ihr wesentlich ist, wirklich ereignet. Diese Erfahrung bringt die Kunstpraxis sogar an eben der Stelle in eine Kontinuität mit der Lebenspraxis, die uns bei deren Erläuterung in die größte Nähe zu metaphysischen Aussagen geführt hatte: Indem in der Entfaltung der Werkform die Übersicht über deren dynamischen Gang auf ihren Kulminationspunkt zugeht, kann sich eine Erfahrung von All-Jetzt-Heit einstellen. Anfang und Ende stehen gleichermaßen im Sinn, und die gesamte Bewegung ist in ihrer Verfügung zusammen mit ihnen präsent. Der Formverlauf bleibt dabei, was er war; gehört seine Sukzession doch zu dem, was ihn ausmacht. Indem aber die Abfolge in ihrem Ordnungssinn vergegenwärtigt ist und indem diese Gegenwart dem Ruhepunkt der Umwendung in der Verlaufsart der Form zugeordnet wird, ist auch das Ganze in diesen Ruhepunkt konzentriert. Ein solches Bewußtsein kann sich schließlich auch über den gesamten Formverlauf ausbreiten. die Kulminationsphase antizipierend in sich hineinziehen und so jeden Moment in der Entfaltung der Form als einen je besonderen Hervorgang des ganzen Vollzuges gewahren.

Diese Erfahrung ist gewiß an das Verstehen des Werkes gebunden. Sie kann nicht All-Einheit und über sie All-Jetzt-Heit im Leben selbst und in Beziehung auf alles, was überhaupt ist, affirmieren. Aber sie ist doch ein wirkliche Erfahrung im bewußten Leben - nicht nur eine solche, in dem es seiner innewerden kann, was immer noch einen Aufschub über es bedeutet. Der Lebensgang ist auch in diese Erfahrung nicht aufgehoben. Wohl aber hat die Kunstpraxis, die solche Erfahrung aufkommen läßt, die Lebensbewegung in sich hineingezogen und ihr damit wohl auch eine aus-ezeichnete Weise von Aufschluß über eine ihrer äußersten Möglichkeiten zuwachsen lassen.

Niemals jedoch geben uns Kunstwerke einen letzten Aufschluß über ein Absolutes, das wir uns als den uns entzogenen Grund unseres Lebens voraussetzen und an das wir dies Leben dann binden können. Insofern ein Werk eine Integrationswelt erschließt, ist dies immer noch eine solche, hinsichtlich df,-ren die Frage nach ihrer Realität offenbleibt. Und über die Antwort auf diese Frage entscheidet die der Möglichkeit und Bewährung eines Lebens, das in der Annahme der Realität von solchem Absoluten zu führen wäre.

Wohl aber kann dies, daß große Kunst überhaupt gelingt, zu einem Element in der Verständigung des Lebens über seine Bewandtnis werden. Zwar kann es damit, daß sich eine Kunstpraxis vollendet, nicht für entschieden gelten, daß unser Leben durch eine Bewandtnis gedeckt ist, die sich von jenem 'fernbestimmten Du mußt' Gottfried Benns unterscheidet. Auch große Kunst könnte der Gabe der Menschheit verdankt sein, eine exzentrische Position in der Welt und in Beziehung auf sich selbst nur auszuagieren. Es wäre auch lächerlich, die extreme Erfahrung der Not durch irgendeine Tatsache widerlegt sein zu lassen. So wie es aber wahr ist, daß es überhaupt keine Kunst geben würde, wenn die Welt in sich klar wäre, so kann man mit nahezu ebenso guter Begründung sagen: Der ganze Lebensgang könnte nicht durch eine Bewandtnis gedeckt sein, wenn keine große Kunst verwirklicht werden könnte. Denn über sie kommt die Dynamik von Subjektivität in einer Weise zu sich selbst, für die es ein Substitut nicht geben kann. Niemand vermag darum auch abzusehen, wie sich Subjektivität in einer Kultur frei würde entfalten können, die ohne Berührung mit großer Kunst geblieben ist oder die diese Berührung etwa verloren hätte.

Nicht also das Werk, wohl aber der Künstler, der es hervorbringt, kann aus einer Beziehung zu einem Absoluten heraus begriffen werden. Er realisiert nicht immer nur ein Talent und folgt nicht nur einem Drang zum aktivischen Ausgestalten von Stimmungslagen. Bedeutende Künstler arbeiteten oft in dem Bewußtsein, einer Aufgabe zu entsprechen, die ihnen vom Grund ihres Lebens her gestellt ist. Diese Verständigungsart, die dem Künstler besonders nahegelegt ist, ist nicht wesentlich von der verschieden, die im Gang eines jeden Lebens hinsichtlich dessen schließlich aufkommen kann, was dem Gang als Ganzem seine Bewandtnis zuwachsen läßt. Und das wird uns nicht verwundern, da Kunstschaffen in ganz anderem Maße noch als jede Kunstbetrachtung in die Lebenspraxis eines Menschen einbezogen ist. Bedeutende Künstler haben aus einer solchen Verstehensart heraus dann auch in die Werkform, die, wie wir wissen, unendlich flexibel ist, eine Beziehung auf das eingehen lassen, was ihnen im Lebensweg ihres Gestaltens als ein Absolutes aufgegangen ist. Darauf einzugehen würde wohl eine weitere Vorlesung in Anspruch nehmen können. Ich habe aber zu schließen, und kann es nun sogar mit einem Satz von Georg Simmel tun: "Man wird behaupten dürfen, daß sich in der Kunst etwas ausspricht, was jenseits der in Vollendung zu Gebote stehenden Form der Kunst lebt. In jedem großen Kunstwerk ist ein Tieferes, Breiteres, aus verborgenen Quellen Fließendes enthalten, als die Kunst in ihrem rein artistischen Sinne hergibt, das aber von ihr aufgenommen und zu Darstellung und Merkbarkeit gebracht wird."

Gottfried Benn: Nur zwei Dinge // Durch soviel Formen geschritten, durch Ich und Wir und Du, doch alles blieb erlitten durch die ewige Frage: wozu ? / Das ist eine Kinderfrage. Dir wurde erst spät bewußt, es gibt nur eines: ertrage -- ob Sinn, ob Sucht, ob Sage -- dein fernbestimmtes: Du mußt. / Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere, was alles erblühte, verblich, es gibt nur zwei Dinge: die Leere und das gezeichnete Ich.

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