Der Hegel-Preis der Stadt Stuttgart wird in dreijährigem Wechsel jeweils an einen philosophischen Forscher verliehen, der dem Namensgeber ganz nahe, oder an einen, der ihm eher fernsteht. So folgte auf Bruno Snell Jürgen Habermas, auf diesen Ernst Gombrich, ihm Hans-Georg Gadamer, Roman Jacobson, Paul Ricoeur, Niklas Luhmann, Donald Davidson, Jacques Le Goff, Charles Taylor und Noberto Bobbio. Gestern nun wurde der Preis im Schloß zu Stuttgart an den Philosophen überreicht, der von allen lebenden Hegel am nächsten stehen dürfte. Der Philosoph Dieter Henrich hat die idealistische Denktradition nicht nur fortgesetzt, sondern es auch verstanden, ihre Gedanken transparent zu machen, um die Lebensbedeutung von Denken überhaupt zu erweisen. Seine hier dokumentierte, leicht gekürzte Dankesrede, legt hiervon Zeugnis ab. - Frankfurter Allgemeine Zeitung -

In seinem Werk hat Hegel die Geschichte des Denkens zu ihrem Zielpunkt und Abschluß kommen sehen. Dieser gewaltige Anspruch war nüchtern wie ein Protokoll formuliert und blieb ohne jede Auswirkung im Tonus von Hegels persönlicher Lebensführung. Von deren unscheinbarer Normalität war jeder Zug ferngehalten, der auf eine Ausnahmeexistenz hätte deuten können. Daß Hegel ohne Prätention lebte, kann dabei nicht als Ausdruck der Bescheidenheit oder einer schwäbisch-bürgerlichen Prägung verstanden werden. Es folgte aus seiner Philosophie. Denn in der Ausbildung eigentlich gründender Gedanken herrscht Notwendigkeit - ebenso wie in dem historischen Prozeß, der vorausgehen muß, damit sie gefaßt werden können. Sind sie an der Zeit, so wird irgendein beliebiges Individuum in die Rolle hineingezogen werden, die Gedanken zu begreifen und zu vermitteln. Der höchste Anspruch in der Sache und das Fehlen jedes Anspruchs auf der Seite der Person gehen in Hegels Gedankenführung aus demselben Grund hervor.

Man sieht, daß Begründungsschwierigkeiten entstanden wären, hätte man Hegel selbst einen Preis verleihen wollen. Er hätte ihn nicht als eine Art Lorbeerkranz, sondern nur als eine Geste annehmen können, die auf etwas Bedeutsames hinweisen soll, das aber einer anderen als der schon gewonnenen Beachtung bedarf und wert ist. Wirklich ist dieser Preis ja auch als Erinnerung an Hegel entstanden - als den Begründer von mehreren Geisteswissenschaften und als den Denker, der die Grundfragen der Philosophie von ihrem Ursprung her und in ihrem ganzen Zusammenhang neu zu beleuchten und zu entwickeln verstand. Das war dringlich geworden in einer Zeit, in der die Studentenbewegung hohe Wellen schlug und das sowjetische Imperium noch in seiner Kraft stand. Beide waren, über ihren Dissens hinweg, darin einig, daß man sich Hegel als rückwärtsgewandten Propheten der gesellschaftlichen Revolution anzueignen habe.

Wer diesen Preis empfängt, wird es in einem anderen als dem Hegelschen Bewußtsein tun, in seinem Werk über sein eigenes Leben gänzlich hinausgehoben zu sein. Mich bestimmt vor allem Dankbarkeit - eine Erfahrung, der Hegel, anders als sein Freund Hölderlin, im Philosophieren keinen Platz einräumen wollte. Ich bin dankbar für alles, was von Ihnen, soweit es denn zu Recht geschieht, über das gesagt worden ist, was mir als Autor und Lehrer gelungen sein mag. Ich empfinde aber auch Dankbarkeit für die, die mir die Orientierung auf dem dornigen Weg in der Philosophie erleichtert haben: meine Eltern, vor deren Leben mir jede Leichtfüßigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber den letzten Dingen  stets als ausgeschlossen erschien; Hans-Georg Gadamer, dessen Vertrauen und dessen Beispiel im philosophischen Leben mich von sehr früh an begleitet haben; meine vielen Schüler, deren Zutrauen und deren Aufnahme der Motive, denen ich selbst nachging, eine immer wiederholte Ermutigung gewesen sind. Dank sage ich heute insbesondere Hegels Heimatstadt. Sie hat in der Vergegenwärtigung Hegels, eines der wenigen Wertphilosophen, die einer lebendigen Großstadt entstammen, eine noble Aufgabe mit Geschick und Beharrlichkeit übernommen. Ich wünsche ihr, daß ihr aus dieser Quelle, die alle ihre Weltkonzerne überdauern wird, auch ein reiches, stabiles Selbstbild und immer wieder glückhaft gelungene Glanzpunkte in ihrem kulturellen Leben hervorgehen werden.

Der Mensch ist sich seiner selbst bewußt, und zugleich faßt er den Gedanken von allem, was überhaupt ist oder gilt. In diesem Ganzen muß er sein eigenes Leben positionieren. Zugleich fragt er sich danach, was diesem Leben eine Affirmation gibt, nicht nur, insofern es vielen von Nutzen und sich selbst erfreulich ist, sondern auch so, daß es gedeckt ist durch noch anderes als das, was nur als unabwendbares Faktum vollzogen werden kann. Jede solche Affirmation  kann der Mensch wiederum nur so verstehen, daß er kraft ihrer zugleich auf ein Ganzes und Letztes überhaupt bezogen ist. Hegels Denken ging auf das so verstandene Ganze aus. Im Wissen von ihm sollte der Mensch das Selbstbewußtsein seines Wesens finden. Und Hegel versprach, die Philosophie als Wissenschaft werde dies Ganze in seinem Reichtum und seinen Tiefen erschließen und "zum Genuße bringen".

Solche Worte verraten, daß philosophisches Wissen von jeder Erkenntnis irgendwelcher besonderen Erkenntnisbereiche zu unterscheiden ist. Es bringt, wie die Religion und nach Hegels Lehre auch die Kunst, den Menschen vor und zu sich selbst. Im Vollzug dieses Wissens findet seine Subjektivität ihre Vertiefung und ihre eigentliche Befriedigung und Befriedung. Hegel scheute sich nicht, in seiner Berliner Antrittsvorlesung zu sagen, daß das Leben in ihr seine "Erleuchtung", "Bekräftigung" und "Heiligung" habe. Man fragt sich, wie all dies in einem Atem damit gesagt werden konnte, daß einzig von Wissenschaft und von einem Erkennen die Rede ist, das freilich als Erkenntnis des alles beschließenden Ganzen eine "absolute" Erkenntnis sein soll.

In die so aufgerufene Wissenschaft sind offenbar Züge eingeschlossen, die seit langem unter dem Namen der Kontemplation dem höchsten Wissen zugesprochen worden sind. Die Kontemplation hält sich nicht nur unverwandt im Wissen von dem, was alles gründet. Sie vertieft sich in dessen Wirklichkeit und Verfassung und verwandelt dabei zugleich den, der in diesem Wissen steht. Er wird über sein endliches Lebensschicksal hinausgehoben, und sein Lebensvollzug wird in lichterfüllte Ruhe versetzt. So ist also die Subjektivität des Menschen in diesem Wissensvollzug gegenwärtig - in der Gestalt des Wegfalls ihrer Bemühung um Selbsterhaltung und Selbstbehauptung auf dem von der Sorge bestimmten Lebensweg und zugleich im Wissen um die Bewandtnis, die es eigentlich mit ihr hat. Auch deshalb hat Aristoteles das Leben als das beste gepriesen, das der reinen Erkenntnis gewidmet ist. In allen älteren Kulturen und Religionen ist Kontemplation als ein Weg zur Vollendung gesucht und gelehrt worden.

Hegel hat über die kontemplativen Traditionen der Menschheit zwiefach, und zwar in einem scharfen Gegensatz, geurteilt. In seinen Berichten über die meditativen Techniken der Versenkung in das Ungegenständliche überwiegt der Spott. Ein höchstes Wissen ohne irgendeinen bestimmten Gehalt ist ihm das gerade Gegenteil seiner absoluten Wissenschaft. In durchaus zentralen Passagen ordnet er aber seine "Wissenschaft der Logik" in die Nachfolge der kontemplativen Tradition ein: Vormals gab es mit den Mönchsorden einen Stand, der aus der Welt ausgeschieden war "einzig zu dem Zweck, daß die Kontemplation des Ewigen und ein ihr allein dienendes Leben vorhanden sei". Dieser Stand der "Einsamen" ist verschwunden. Da Hegel offenbar nicht dessen Restitution befürwortet, ergibt sich die Frage, wie genau er seine philosophische Wissenschaft zur Kontemplation ins Verhältnis setzen wollte.

Die moderne Welt hat die Dominanz eines anderen Wissenssinnes heraufgeführt. Erkenntnis ist prozedural verfaßt, und Wissen geht aus einer eigenen Weise zu handeln hervor. Nicht die Gegenwart des Höchsten, sondern die Konsistenz im Gebrauch der Verfahren des Wissensgewinns garantiert eine unhintergehbare Verlässlichkeit des Wissens. In einem mit der Etablierung dieses Verständnisses von Erkenntnis wird auch das aktive, das findige und erfinderische, das sich selbst erhaltende und steigernde Leben des Menschen gegenüber der Kontemplation nobilitiert.

Hegel hat diesen historischen Prozeß nicht revidieren wollen. Er hat ihn auf ein Ganzes hin interpretiert und seine Legitimität von ihm her verstanden - und zwar so, daß er den Prozeß der Moderne dahin tendieren sah, den dynamischen Begriff der Erkenntnis mit dem kontemplativen Wissenssinn zusammenzuführen. Dabei hat er den Sinn der Erkenntnisarbeit vertieft und zugleich die meditative Komponente in der Kontemplation rationalisiert. Der Leitbegriff, unter dem er den Prozeß der Moderne faßte, war "Subjektivität"; und in Beziehung auf Subjektivität sollte auch die Integration der beiden Sinne von Erkenntnis erreicht werden können. Subjektivität hat eine doppelte Bedeutung: Sie ist nicht nur Für-sich-Sein im Wissen, also das, was wir als Selbstbewußtsein bezeichnen. Ebenso ist sie Selbstbestimmung, und zwar nicht nur im subjektiven Willen, sondern als der formale Prozeß, in dem ein Einiges sich aus sich selbst heraus entfaltet und das, was es ausmacht, bis zur vollständigen Konkretion aus sich heraus setzt.

Hegel hat die Bedeutung der Kulturgeschichte der kontemplativen Erkenntnis überall dort zu würdigen gewußt, wo die Kontemplation nicht auf ein Leeres, Dunkles, Unbestimmbares geht, wo vielmehr ein solcher Prozeß und dessen Selbstbestimmung der Gehalt ihrer Betrachtung sind. Gegenüber einem solchen Hervorgang im und für das Wissen bleibt uns, den Erkennenden, "nur das reine Zusehen". Und so hat Hegel das wache Zuschauen, das Sich-konzentrieren auf die Verhältnisse und Entwicklungen, über die Aufschluß zu geben ist, zum grundlegenden Methodenbegriff seiner eigenen Philosophie gemacht. Es ist das Zusehen der Kontemplation, aber auch das ergriffene Zuschauen der Besucher der panathenäischen Prozession und der dionysischen Tragödien. Hegel rühmt Aristoteles als seinen größten Vorgänger, bei dessen Lektüre er seinen Augen nicht trauen wollte, weil er bei ihm las, das in der Kontemplation "berührte" Höchste sei Leben, reine Tätigkeit, sei sogar ein Sich-selbst-Denken, in dem der Gehalt immer in einem auch für sich selbst erschlossen ist.

Aber auch Aristoteles, dieser Größte, gehört für Hegel der Epoche an, in der die Kontemplation die Selbstbestimmung der dynamischen Subjektivität nicht wirklich in sich aufzunehmen wußte. Für diese Epoche ist es nicht nur charakteristisch, daß die Energie ihres Denkens nicht auf die Auslegung des Für-sich-Seins konzentriert war. Mehr noch zeigt sich die in der Kontemplation gelegene Beschränkung daran, daß sie die Selbstbestimmung der Subjektivität nicht in dem gesamten Prozeß ihrer Verwirklichung hat betrachten können. Eben dadurch unterscheidet sich der moderne Professor Hegel von einem Angehörigen jenes vergangenen Standes, dessen Leben nur der Kontemplation des Ewigen geweiht war. Indem die Kontemplation des Ewigen nunmehr die Selbstbestimmung der Subjektivität in sich einbegreift, ist das Ewige dem Zeitlichen nicht mehr entrückt und entgegengestellt. So ist es nunmehr die Aufgabe der Philosophie, das Ewige in dieser seiner Selbstbestimmung zum Endlichen, in seiner Verwirklichung zu begreifen. Daraus ergibt sich aber, daß sich die Philosophie nicht in Kontemplation abscheiden, sondern daß sie wach in ihrer eigenen Zeit stehen muß. Denn auch ihr hat sie zu sagen, was sie eigentlich ist. In einem frühen Aphorismus hat Hegel diese philosophische Wachheit, die, wie Adam es tat, alles bei seinem Namen nennt, als "die Vernunft und das Beherrschen der Welt" bezeichnet.

Keineswegs zeigt also Hegel in seinen beiden Rollen als kontemplativer Logiker der Selbstentfaltung des Gedankens und als Diagnostiker seiner Zeit im Blick auf den Gesamtprozeß der Geschichte ein janushaftes Doppelprofil. Seine Grundgedanken und seine Selbstlokalisierung in der Geschichte des Denkens verlangen nach beidem zugleich und gleichermaßen. Aus diesem Zusammenhang können wir auf neue Weise verstehen, was Hegel dahin führte, seine Philosophie als Vollendung der Geschichte des Denkens auszugeben. Die Kontemplation als höchste Wissensweise und der dynamische Erkenntnissinn der modernen Subjektivität sind von ihm ineinander integriert worden - und zwar so, daß damit jede dieser Wissensweisen durch die Vereinigung mit der anderen zugleich verwandelt und in ihren Begrenzungen herausgebracht werden sollte. Hegel schien in dieser Vereinigung, die sich, wie er meinte, in seinem Denken ohne persönliches Verdienst vollzog, alles zusammengebracht. Nichts schien zurückgeblieben zu sein, was über diese Vereinigung hinaus und in eine Zukunft des Denkens hätte weisen können.

Hat man dies verstanden, dann kann man eine Perspektive auf Hegel gewinnen, die nicht die seine ist und die doch die Idee nicht verkürzt, der sein Lebenswerk hat entsprechen sollen: Hegel mußte denken, daß sich ihm diese Idee in einer Art eleusinischen Zusehens erschlossen hat. Aus der Distanz wird man aber zu der Schlußfolgerung geführt, daß er seine gesamte Anstrengung darauf orientierte, eine solche Konzeption zu gewinnen und zu entfalten. Die Gründe dafür, daß sie an der Zeit sei, ergaben sich ihm aus der Übersicht über die Geschichte, über die Konflikte und die Defizite der alten und der modernen Kultur und aus der komplexen Problemlage des Denkens in der eigenen Zeit, die nach einer Auflösung verlangten. Wo immer er davon sprach, daß sich seine Philosophie an das bloße Zusehen gehalten habe, da ist der Tiefsinn seiner Entwicklungen und seiner Diagnosen doch unlösbar mit dem Projekt verbunden, seine Idee einer Vermittlung der Kontemplation mit der Dynamik der Subjektivität durchführen zu können. Insofern ist also auch in Hegels eigenem System der moderne Erkenntniswille nicht weniger als die kontemplative Intensität der Betrachtung zur Wirkung gekommen.

Aus dieser Einsicht folgt aber auch das Recht dazu, Hegels logische Architektur in ihrer Grundlegung und in ihrer Durchführung einer Fundamentalkritik zu unterziehen. Der Ausbau des systematischen Grundkonzepts hatte Vorrang gegenüber allen Rückfragen, ob die Hegelschen Begriffe und Argumentationsfiguren die ihnen zugemutete Tragfähigkeit wirklich besitzen. Die Kritik kann bereits beim Grundriß des gesamten Systems einsetzen. Es ist als eine einzige lineare Abfolge der Generierung von spekulativ-logischen Figuren angelegt, die dann aber in ihren einfachen Anfang zurückläuft. Mit diesem Modell hat Hegel seinem großen Projekt wohl zu schnell eine zwar durchsichtige, aber letztlich nicht taugliche Leitlinie für die Ausführung zugeordnet. Mit solchen Nachfragen und Bedenken hat sich die philosophische Fachdebatte um Hegel zu befassen. Ihr Gewicht allein macht es schon verständlich, daß sich seit langem niemand mehr als Buchstabenschüler Hegels zu bekennen vermochte. Was immer auch die Schwierigkeiten sind, welche die Durchführung von Hegels Projekt beladen - es ist dies Projekt selbst, wodurch Hegel unvergeßlich geworden ist.

Zwar muß man die Karten des Spieles, das er als Endspiel der Geschichte des Denkens konzipierte, neu mischen und bewerten. Aber keine dieser Karten sollte dabei aus dem Spiel herausfallen. Das gilt insbesondere für Hegels Erneuerung der Kontemplation. Hegel hat sie aus dem Exil, das sie in der Kantischen Ästhetik gefunden hatte, zurückgeholt und mit dem modernen Begriff der Erkenntnis zusammengeführt. Diese Zusammenführung ist auch in einer Situation noch immer von derselben Bedeutung, in der Hegels Anspruch, ein absolutes Wissen ausformuliert zu haben, nicht mehr bestätigt werden kann. "Kontemplation" ist dann eine Weise des Umgangs mit Wissen, in dem alle Einsätze, über die Erkenntnis zu gewinnen ist, und zudem der Weltzustand des jeweils gegenwärtigen Lebens zueinander in Beziehung gesetzt werden. In einer solchen Weise der bewegten und abwägenden Betrachtung im Wissen ist immer zugleich die Subjektivität des Menschen gegenwärtig. Sie vollzieht sich in einer Bewegung des Ermessens, wie jenes Ganze des Wissens Eingang hat in das Selbstbild des eigenen Lebens und was vor diesem Ganzen die letzte Affirmation ist, an die sich das Leben selbst gebunden weiß.

Hegel hat diese Kontemplation vor dem Ganzen im ersten Absatz der Vorrede seines Hauptwerks als "Metaphysik" und diese als das Dasein des sich mit seinem reinen Wesen beschäftigenden Geistes bezeichnet. Zu Recht war er davon überzeugt, daß überall dort, wo die Bewegung der Betrachtung in dieser Wechselbeziehung zwischen einem Ganzen und dem eigenen Lebensvollzug zu Erliegen kommt, sich auch der freie Blick auf die eigenen Lebensverhältnisse verschließt. In der Folge davon werden dann irgendwelche Lebensprogramme nicht weniger als Weltbilder nur noch wie Importgüter in eine unfreie und gepreßte Subjektivität eindringen.

So sehen wir, daß Hegels Projekt auch als Begründung für ein Bildungsprogramm verstanden werden kann. Die Kontemplation, die keinen Zweck in irgend etwas anderem hat, erweist sich in einem Staate als das Nützlichste überhaupt, weil sie die Freiheit im Bewußtsein schafft, aus der allein ein Durchblick bis zu den Grundlagen und in der Folge davon eine Erneuerung hervorgehen kann, deren Blick auf ein Ganzes geht, ohne darüber das Wirkliche zu verfehlen.

Hegels Generation hatte bereits mit einer Art von Aufklärung Bekanntschaft gemacht, die alles andere als lichtvoll ist und der sie mit ihrer "höheren Aufklärung" (Hölderlin) entgegenzuwirken hatte. An der schon erwähnten Stelle bringt Hegel die Meinung, deren Haltlosigkeit er dann darlegte, so zu Wort: "daß, wie für die Erkenntnis die Erfahrung das Erste, so für die Geschicklichkeit im öffentlichen und Privatleben theoretische Einsicht sogar schädlich und praktische Bildung überhaupt das Wesentliche, allein Förderliche sei". Diese Meinungen sind uns so vertraut, als wären solche Sätze einem gerade eben erschienen Reformplan entnommen. Dem Umstand, daß sie in Hegels Zeit letztlich doch nicht überzeugt haben, verdanken wir Bildungseinrichtungen, die der ganzen Welt Vorbild geworden sind. Es trifft zu, daß diese Einrichtungen nur dann zu bewahren sind, wenn sie im Blick auf ein sich wandelndes Ganzes selbst auch verwandelt werden. Dabei muß man aber wissen, was man verwandelt, um es nicht über vorgebliche Reformen nur dem definitiven Ruin preiszugeben.

Das gilt nicht weniger für die Übersetzung einer philosophischen Gründerleistung in eine sich wandelnde Gegenwart. Hegels Werk zeigt an, daß diese Aufgabe im Denken auch in einer veränderten Welt keine ganz gleichgültige sein kann. Denn eine hellsichtige Kritik an Fehlentwicklungen, von denen wir gerade viele beklagen und viele andere einleiten, muß letztlich aus der Distanz einer Grundübersicht und -orientierung erfolgen. Den Standort für eine solche Orientierung muß man also gewonnen haben, und zu seiner begründenden Darlegung muß man zumindest auf dem Wege sein. Hören wir noch einmal Hegel über "das interesselose freye Geschäft" der modernen Philosophie, die an die Stelle des vergangenen Mönchsstandes der Kontemplation getreten ist, und über ihren "Nutzen": "Das Tieffe ist auch das Allgemeine. (Es) hat seine Anwendung auf Alles - Aber nicht nur eine äussere Anwendung."

Dieter Henrich

Christian Geyer über den Hegelpreisträger Dieter Henrich

Er betrachtet es als Zufall und nicht etwa als geschichtsphilosophisches Fatum, daß die vorläufige Vollendung seines Lebenswerks in Kants 200. Todesjahr fällt. Im Frühjahr kommenden Jahres wird Dieter Henrich bei Suhrkamp das Werk veröffentlichen, dessen Grundstein der sechsundsiebzigjährige Philosoph schon in den sechziger Jahren gelegt hat, das in immer neuen Vorstudien Gestalt gewann und nun mit über siebzehnhundert Seiten das Profundeste ist, was im Kantjahr 2004 zu Kant veröffentlicht werden wird. "Grundlegung aus dem Ich" lautet der Titel der voluminösen beiden Bände, die in drei monographischen Arbeiten kantische Positionen im Widerstreit beleuchten.

Aber was heißt schon beleuchten ? Henrich rekonstruiert in minutiöser philologischer Arbeit die Genese der unmittelbar nachkantischen Theoriebildung, wie sie sich schließlich bei den drei Großen der Idealismusgeschichte kristallisierte: bei Hegel, Hölderlin und Schelling. Um die Formation ihrer Gedanken zu verstehen, bringt Henrich, die zwischen 1790 und 1795 in Tübingen und Jena energisch geführte Kant-Debatte zum Sprechen, eine Debatte in einer Gruppierung heute kaum noch bekannter Namen wie Diez, Niethammer, Süßkind und Erhard, von der aus der spekulative Idealismus jedoch seinen Höhenflug startete. "Es ist nun möglich", schreibt Henrich, "die Ausbildung der Gedanken, die im Geflecht dieser Gruppierung debattiert wurden, so gut zu verfolgen, daß wir der Zeitgenossen- und Augenzeugenschaft so nahe kommen können, wie dies überhaupt zu erwarten ist, nachdem zwischen der Entstehungszeit der Quellen und unserer eigenen Gegenwart mehr als zwei Jahrzehnte vergangen sind." Das Ergebnis ist "die Aufdeckung der gesamten Konstellation, die man nennen muß, um den Prozeß nachvollziehen zu können, aus dem die großen Werke von Schelling, Hölderlin und Hegel schließlich hervorgegangen sind".

Henrichs Jahrhundertwerk ist weit mehr als eine Ideengeschichte. Es zeigt, wie Denken Gestalt annimmt, wie die Konzeptionskraft einzelner sich aus dem Austausch, ja aus dem Streit mit anderen nährt, wie die lokale Konstellation den universalen Ausgriff färbt. Was Henrich an Kant hervorhebt, das charakterisiert auch seinen eigenen Stil des Philosophierens: Unter den selbständigsten von Platons Nachfolgern gehört Henrich zu denjenigen, die das, was sie zu leisten imstande sind, am deutlichsten auch in ihren Grenzen darstellen. Von der Unmöglichkeit, die Philosophie "in einer finalen Theorie zu Ende zu führen", spricht Henrich mit derselben Verve, mit der er die Möglichkeit der Metaphysik gegen ihre Trockenleger verteidigt. Philosophie würde aufhören, Philosophie zu sein, wenn sie auf das folgende verzichtete: "Sich über die letzten Gründe philosophischen Wissens zusammen mit den letzten Gründen zu vergewissern, aus denen das Leben der Menschen in einen Einklang mit sich selbst zu kommen vermag." Einen wie Henrich, der zuletzt in München lehrte, möchte man sich als Sachwalter der idealistischen Tradition gefallen lassen. Wer wenn nicht er hätte den angesehenen Hegelpreis verdient, der ihm heute (26.11.2003) im Weißen Saal des Stuttgarter Schlosses überreicht wird ?

Prof. Dr. Dieter Henrich

München, Hauptgebäude der Ludwig-Maximilians-Universität, 17. Okt. 1998

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